PASSE-AVANT
Celfie à la Cindy
14–02–2019
Congratulations by Theresa Weise
Cindy Sherman, Untitled #580, 2016, photograph. Courtesy: the artist and Sprüth Magers, Berlin/London/Los Angeles

Cindy Sherman hat innerhalb der letzten 40 Jahre einen komplexen Kreislauf entwickelt, in dem sie keine fremde Person hereinlässt. Sie bleibt unter sich, ist gleichzeitig vor und hinter der Kamera: Fotosubjekt und Fotografierende zu gleich. Sie reizt die Grenzen des Mediums aus, indem sie das klassische Objekt-Subjekt-Verhältnis von Modell und Fotograf über Bord wirft: Celfie à la Cindy.[1]

Dennoch porträtiert die Künstlerin sich nie selbst, sondern extrahierte Frauenstereotypen aus den Köpfen der Gesellschaft– der „kulturellen Imagination.“[2] In Shermans Fotografien gibt es kein Original oder ein konkretes Vorbild, sondern nur vage Frauentypen, die mithilfe von klischierter Kleidung, den passenden Requisiten, einer Tonne an Schminke und verzerrten Kameraeinstellungen den Typus überspitzt zur Geltung bringen.

Cindy Sherman, Untitled #400, 2000-2002, photograph. Courtesy: the artist and Sprüth Magers, Berlin/London/Los Angeles

Von allem ist etwas zu viel aufgetragen. Die übertriebene Künstlichkeit der Figuren löst Irritation aus. Die Figuren schmücken sich mit Sex, Kleidung und Glanz und verlieren in der exzessiven Verwendung dieser ihre Glaubwürdigkeit, ihre Identität. Cindy Sherman jongliert mit Identitäten, schlüpft in die Rolle der Society Lady (Untitled #476, 2008), der Vorstadtfrau (Untitled Film Still #54, 1980), der Schauspielerin (Untitled #580, 2016) et cetera. Sie verkleidet sich als Frau, gleichwohl sie selbst eine ist, und wird doch zu einer unrealen Version dieser.

Der Grund dafür ist der Blick, den sie in ihren Arbeiten einnimmt und imitiert. Es der Blick des Mannes, der Frauen in Rollen zwingt, in Schönheitsidealen stilisiert und als Individuum entmachtet. Sherman studierte den male-gaze, um ihn für eigenen Zwecke zu nutzen, ihn zu überzeichnen und dadurch bloß zu stellen. Der female-gaze triumphiert am Ende.

Und dieser Triumph hat über die Jahre nicht nachgelassen. Indem Sherman sich selbst in den Mittelpunk ihres Œuvres stellt, nahm sie aktuelle Trends zur Selbstinszenierung und der im Selfie begriffene Narzissmus schon Mitte der 70er Jahre vorweg. Ein Blick in die sozialen Medien, sei es Instagram oder Facebook bestätigt diese These. Fotos müssen glänzen und arrangiert sein, damit sie geliked werden. Der lässige Über-die-Schulter-Blick ist meistens doch minutiös gestellt. Es gibt nicht nur Fake-News sondern auch und vor allem Fake-Identities und viele von ihnen werden durch Bilder kreiert und verbreitet. Der Glanz der Instagram-Fotos kulminiert auf den Gesichtern – „Highlighting“ und „Conturing“ modellieren Frauen die perfekten Wangenknochen, auf denen Zentimeter dicke Schichten von schimmerndem Make-Up liegen. Das perfekt aufgemalte Gesicht. Der bestimmte Filter, die richtige Pose, die Figur, die Taschen, die Kleidung – alles so shiny hier.

Cindy Sherman, Untitled #476, 2008, photograph. Courtesy: the artist and Sprüth Magers, Berlin/London/Los Angeles

Und shiny ist auch der Spiegel.

Das Symbol des Narzisses schlechthin, wird bei Sherman zum Objekt der Kritik. Mit ihren Fotografien hält sie der Gesellschaft den Spiegel vor, konfrontiert sie mit ihrem Wahn nach Perfektion. Solange sie noch in die Rollen der verschrobenen Frauentypen schlüpft, wissen wir automatisch, dass wir weiterkämpfen müssen: für Parität. Wenn Cindy Sherman aufhört sich zu verkleiden, dann haben sich die Stereotypen vielleicht in Luft aufgelöst und toxische Männlichkeit, das Patriarchat und die immer noch teils ungleiche Bezahlung von Frauen und Männern ist passe. One day maybe.

In 2019 hat sich jedenfalls noch nicht viel verändert: „[...] your mind is fucked up with about what you should be, instead of what you are .“[3] In der Hoffnung, dass sich daran und vielleicht ja auch durch Shermans Arbeiten etwas ändert, verleiht die Stadt Frankfurt ihr den Max-Beckmann-Preis.

Congratulations Cindy!

Cindy Sherman, Untitled Film Still #54, 1980, film still. Courtesy: the artist and Sprüth Magers, Berlin/London/Los Angeles

[1] Respini, Eva: Würde die wahre Cindy Sherman bitte vortreten?, in: Eva Respini (Hg.): Cindy Sherman, New York 2012, S. 13.
[2] Ebd., S. 22 und 44.
[3] Tomkins, Calvin: Her secret identities. Cindy Shermans art is a mysterious as ever. So is Cindy Sherman, 2000, in: The New Yorker

Am 12. Februar 2019 wurde Cindy Sherman der Max-Beckmann-Preis der Stadt Frankfurt verliehen.