PASSE-AVANT
Corona Chronicles
23–03–2020

For a few days, the most ordinary things in life like meeting for a coffee, or a drink after work, even going for a walk together are now restricted in many European cities. We are alone with ourselves, or together with our partners or kids in small microcosms that are limited by the space of our flats, rooms and Wi-Fi-connections.

Many of our friends and colleagues stay at home. A few of them because they are afraid of being infected, others to flatten the curve, but most of them because their jobs have been cancelled and exhibitions have been postponed. What happens to the people in the cultural world if it suddenly shuts down? What are the pitfalls and can there still be a productive potential within this crisis? PASSE-AVANT asked several friends that are affected by COVID-19 in different ways to share their perspectives. Read their stories:

Courtesy: Timo Lenzen

#1 Ein Survival-Kit des Miteinanders

Mein Bauch erinnert sich an Freitag: Zapfenstreich. Sonntag stieg die Bedrängnis der Aus- und Eingrenzung bedrohlich die Speiseröhre hoch. E-Mail und andere Kommunikationswege sind seither verstopft von den Nachrichten abgesagter Ausstellungen, Workshops, Vorträge. Überall das gleiche, mutmaßlich. Seit Montag verweilt ein kleines Fläschchen mit grünlichem Desinfektionsgel nicht mehr auf meinem Materialschrein, sondern begleitet mich auf täglichen U- und S-Bahnfahrten. Ich schaue in betretene Gesichter, nicht nur in der Frankfurter Innenstadt, sondern auch, wenn man in den gespenstisch leeren Fluren und Räumen der Universitäten, Ausstellungsräume und Atelierhäuser doch ein menschliches Wesen erblickt. Alles liegt auf Eis, wann und wie ein Auftauprozess funktionieren kann, scheint in Anbetracht des offenen Endes nicht denkbar.

Wie viele meiner Freund*innen bin ich Künstlerin. Wir sind als Absolvent*innen oder jene, die sich am Ende ihres Studiums befinden, die Frischlinge des Kunst- und Kulturbetriebs. Uns ernährt die Zuarbeit und nicht das Herzblut, welches in jede Form und Fläche fließt. Die letzten Tage waren Stillstand und, sobald Gesundheitszustände geklärt werden konnten, futterte sich eine andere Angst leise durch Konversationen – die ökonomische Schockstarre. Niemand möchte mehr seinen Kontostand aufrufen, stattdessen wüste Kalkulationen wie lange Geldreserven wohl ausreichen werden bzw. müssen. Die subtile Frage des Überlebens, welches sich als ein tägliches Gespenst ohnehin aufdrängt, ist zu einem greifbaren bin ich Künstlerin. Die subtile Frage des Überlebens, welches sich als ein tägliches Gespenst ohnehin aufdrängt, ist zu einem greifbaren Begleiter mutiert.

Nun gibt es neben denen, die dem momentanen Geschehen pessimistisch gegenüberstehen, auch jene, die von einer positiven Entschleunigung sprechen. Zeit zur Einkehr, für die Steuererklärung, oder für die nächste Bewerbung, um die Chance des zukünftigen Ausstellens zu erweitern. Und sicherlich brauchen wir nun viel Mut und Zuversicht um das große Unbekannte zu … erdulden, auszusitzen, überwinden, gar zu bezwingen (?).

Ich möchte an dieser Stelle einen Ausschnitt meiner kleinen, persönlichen Blase teilen. Die letzten Tage begegneten mir Künstler*innen und Kurator*innen, die aus der Krise keinen Überlebenskampf des Ichs machen, sondern mutig das Sorgetragen auch um die Kleinsten praktizieren. Glücklich sind diejenigen von uns, die in ihren Arbeitsstrukturen als Lebewesen agieren können und nicht als ungebrauchte Ressourcen der Wertschöpfungskette eingefroren werden. Es ist nun an der Zeit, dass nicht nur eine gute Besserung gewünscht wird, sondern auch, allen Unterstützung anzubieten, die mit steilen Machtgefällen konfrontiert sind.

Folge ich der derzeitigen Sehnsucht einiger die Situation produktiv nutzen zu wollen, bietet sich wohl jetzt die Chance, Ideen und Utopien der vielen anthropozän-kritischen Ausstellungen, die uns Menschen auf die Sezierbank legen, aus den geschlossenen Räumen zu befreien und hin auf ihre Alltagstauglichkeit zu testen. Wir benannten Gefahren und Krisen von rein menschlichen Verhältnissen, bspw. politisch-destruktiven Strömungen, oder aber von spezies-übergreifenden Beziehungen, wie in Diskussionen um die Rettung von Lebensräumen.

Wir als Künstler*innen sollten uns fragen, was es heißt und wie es gelingen kann, diese Überzeugungen über die Materialisierung des Kunstobjektes hinauszutragen, in Lebensrealitäten zu erproben und auf deren Möglichkeiten zu testen.

Vorschlag: Lasst uns das Survival-Kit packen. Wie wäre es als erstes Solidarität und Fürsorge in unseren Carrier Bag[1] einzuladen? Ich hoffe auf ein Für- und Miteinander in allen Mikrobläschen und Makroblasen.

[1] Le Guin, Ursula K.: The Carrier Bag Theory of Fiction (Terra Ignota). Ignota Books, 2019.

– Lina Weiß

Courtesy: Timo Lenzen

#2 Zukunft war gestern – Willkommen im heute

„Günstig für alle“ lautete vergangene Woche die Werbung bei Penny. Es blieb einem die Freude auf ein Schnäppchen dennoch im Halse stecken, denn gespart wurde erstmal an sozialen Kontakten. Die analoge Realität wird seitdem durch digitale Dienste ersetzt. Verantwortung zeigen, indem man möglichst viel Abstand zueinander hält. Digital wurde abrupt zum Status quo.

Sicherlich gibt es viel dazu zu gewinnen und man kann genügend neue Ideen ausprobieren, mit denen man sich freiwillig oder unfreiwillig mehr an den digitalen Raum klammert. Biertrinken mit Freunden via Skype, Theateraufführungen mittels Stream oder Kurator*innenführungen online – ein Zugeständnis zum Ersatz. Die vermeintliche Chance der Entschleunigung wird durch ein Kompensationsprogramm substituiert. Als hätte man die anfängliche Panik überblenden können und die Aussicht auf mehrere Wochen in Isolation digital weglächeln wollen – mit Archivmaterial oder Online-Rundgängen durch Ausstellungen, die man vermutlich nicht mehr zu Gesicht bekommen wird.

But who knows – die Zukunft steht in den Sternen. Es ist nun die Challenge aus dem Ramschtisch die Qualitätsmarke zu ziehen. Wie werden Institutionen und Künstler*innen die nächsten Wochen mit der Konzeption ins Ungewisse umgehen? Und was sind genau die Chancen der Transformation über die spekuliert wird?

Der Soziologe Heinz Bude schließt nicht aus, dass sich die Ära des Neoliberalismus und somit die Ära des starken Einzelnen wandeln wird. Naheliegend erscheint auch der Titel der Veranstaltung „Die große Untergangs-Show – Festival Genialer Dilletanten“ von 1981 im Berliner Tempodrom. Möglichst wenig können und darin etwas Neues hervorbringen, sollte vielleicht doch anders aussehen, als sich selbst mit inhaltlichen Schräglagen online aktuell zu halten. Verweigerung hat an Bedeutung verloren. Muss man jetzt auch nicht zwingend sentimental werden.

Institutionen und Künstler*innen waren auch vor dem jetzigen vorübergehenden Realitätsaus mit Online-Formaten sichtbar. Ob sich diese digitale Sichtbarkeit verallgemeinernd als ein Muss anstatt einer Option gestaltet, bleibt offen. Man kann sich nicht sicher sein, ob man überhaupt zu dem zurückkommen wird, was vorher gewesen ist. Im Moment fehlt jede Freude über das mögliche Ende, wenn man nicht weiß, ob die Zukunft schon das Ende vom Anfang ist.

Die gesellschaftliche oder persönliche Apokalypse zeigt sich für einige schon jetzt, für andere kann es noch Wochen dauern, vielleicht werden es auch einige wenige unbeschadet überstehen. Homeoffice als Knautschzone – von zu Hause aus weiterhin produktiv sein, in der Hoffnung nach der „Krise“ wieder oder fortlaufend sichtbar zu sein, wie gehabt. Feiert man so den Abgesang des Neoliberalismus, in der Vorahnung den Gürtel zukünftig noch enger zu schnallen? Welche Maßstäbe werden auch im jetzigen kollektivem Knock-Out verfestigt und weitergeführt? Werden diejenigen, die vorher bereits außerhalb von Sichtbarkeit gewesen sind, nun im Zuge der Chance auf Transformation des Ausnahmezustands mitgedacht?

In der Fußball-Bundesliga (Herren) kündigen Vereine an auf Gehälter der Spieler ganz oder teilweise zu verzichten, um so dem möglichen wirtschaftlichen Exitus des Vereins entgegenzuwirken. Wo sind die Topverdiener*innen in der Kunst und wo ist deren Einsatz für Solidarität? Es wäre eine Möglichkeit in dieser Ausnahmesituation das wirtschaftliche Ungleichgewicht anders auszubalancieren, gerade weil alle betroffen sind. Bemühungen um Sichtbarkeit sind gerade groß.

Der Sturz aus dem gewohnten Fahrwasser kam überraschend und in diesem liegt ja auch das vermeintliche Potenzial. Nun machen Institutionen mit ihrem Krisen-Onlineauftakt all das zugänglich, was tendenziell sichtbar gewesen wäre. Warum sollte man auch den Kopf in den Sand stecken, denn damit ist auch nichts gewonnen. Nur welche Inhalte weichem dem Wettbewerb um digitale Sichtbarkeit, den man sich auch erstmal leisten können muss.

Der digitale Trost hilft einem auch nur so lange über die optischen Runden bis man bemerkt, dass das, was sich als digitaler Vorrat abzubilden scheint genau der Punkt ist, an dem wir zuvor angelangt gewesen sind. Kanonisierung – und seine Hinterfragung. Und nun gehen wir mühelos dazu über den selben Kanon als Notlösung für abhanden gekommene Realität zu zeigen.

In der Ratlosigkeit der Situation und der Hoffnung, die keinen wirklichen Gegenstand trägt, besteht eigentlich auch kein Grund in nostalgische Gedanken zu verfallen, weil man der Zukunft pessimistisch entgegenblickt. Es bleibt abzuwarten, ob ein „Günstig für alle“ nicht doch ein „Günstig für wenige“ ist.

– Catharina Szonn

Courtesy: Timo Lenzen

#3 See you in the afterlife

It’s quieter than usually at the laundry service. Some drums are spinning, but at different speeds. Besides me, only an old man is waiting here. He sits on one end of the bench, I sit on the other. I would not pay to much attention to this fact under any other circumstances if it wasn’t now. My eye unconsciously measures the approximate distance between us. I’d say about two metres. But I’m not sure. Outside, at the entrance of the laundry service, it says, “Now open on Sundays”. In fact, the whole week already feels like an incessant Sunday. The reporting as well as the pictures on the Internet with curated scenarios of empty streets and abandoned squares do the rest. I spend my time waiting with Annie Ernaux’s The Years (2017). Philosopher Didier Eribon writes about the book: “A life-changing reading”.

Different sense of space and time

Will this time be an equally “life-changing” experience for artists? Since we live in parallel worlds anyway, it must made clear that in many places art can no longer be separated from politics – unless we want to carry on like this. Rushing from one deadline to the next – how normal it seemed to take certain mechanisms of exploitation for granted up until now. The phase we are currently in – commonly referred to as the ‘crisis’ – is actually only the culmination of a state of affairs that we considered normal for a long time. On the one hand, everything is on standby – time for activities that would have remained undone otherwise, distraction and participation welcome us everywhere, so we don’t feel lonely. Reading-groups and book recommendations are flooding digital spaces. On the other hand, things have to go on, thoughts are already circling around the time “afterwards”: What happens after this and, above all, when? Will the savings last until then? Can I take up my jobs again? Will exhibitions still take place? Will everything go its usual course, like after waking up from an extended hibernation?


Outside the magnifying glass

What is productivity and what does “taking a break” actually mean? Does the whole distraction and participation reflect our inability to drop anything, fearing that creativity will vanish and opportunities will be missed? If not now, when else will we become aware of the mechanisms of being seen, of participating in the so-called attention economy? There’s nothing more important for the production of art right now than thinking about how community should look like in the future. Time for criticism and self-criticism: Do I want to maintain the pace or can I act more humane, not economic/marketable?

At the moment, one’s own network might be able to save oneself – self-sufficient art projects, off-spaces and small galleries as well as art associations are practicing flexibility in terms of deadlines and digital formats. Latter can be published at any time and in an institutionally independent manner. It’s exciting to watch and to be involved in things that are improvised and newly developed without knowing how long this state will last (it will probably reach a saturation point soon). In a field like art, which is usually driven by far too little solidarity and cooperation, there is now a great willingness to support each other and to develop strategies to give visibility to those who might otherwise disappear (or remain invisible at all): artists feature each other, archives are gaining new popularity and the access to artworks that are otherwise spatially defined and reserved for specific target groups is becoming more low-threshold. Does this mean that exhibitions are now being democratized? To what extent can the social relevance of art be discussed in times like these? Will the increasing digital presence on social media be enough to compensate for the loss of visibility? It seems like a lot of effort is unquestioningly put into online formats at the moment – requiring non-profit work/labour one would usually be paid for. The “after” is becoming more and more pressing in our minds.

It is precisely the moment between “now” and “then” that this inventiveness must form a bridge, especially for the post-pandemic period. The voices that fight for universal basic income are getting louder again – but not in the form of a temporary solution to the shortfalls, but as a permanent structure. Governmental support payments must not be a bridging measure but should be improved permanently.
In case you start to feel something like spatial anxiety and before you devote yourself to your own quarantine of thoughts, think of others: In too many places a large number of people cannot stay in closed private rooms – because there are simply none. In addition to coping with our own problems and challenges, we should not lose sight of the more precarious situation of others. I wish that the extent our ability to improvise in solidarity is not limited to our own fields of activity.

Annie Ernaux writes : “Now is another time.”

– Sarah Reva Mohr