PASSE-AVANT
I'm With Her – Part 1
100 Years of Women Suffrage
08–11–2018
Commissioned contribution by Anna Goetz Lisa Gutscher Kathrin Jira

Courtesy: Anne Büttner

100 years ago, on 12 November 1918, article 109 (2) of the Weimar Constitution finally contained the sentence: „Men and women have the same civic rights and duties.“ On occasion of this extremely important anniversary, we commissioned the women who inspire us most to write about the women that shaped their thinking. Our first part starts with curator Anna Goetz, artist Lisa Gutscher and editor and writer Kathrin Jira. I'm with her – are you with us?

Anna Goetz & Susanne Gaensheimer, Eröffnung Fellbach Triennale 2013. Courtesy: Fellbach Triennale

Anna Goetz with Susanne Gaensheimer

Im April 2012 hat mir Susanne in der Morgensonne beim Kaffee in der Margarethe, zwischen dem MMK und dem Frankfurter Kunstverein, wo ich zu diesem Zeitpunkt noch arbeitete, von ihren Plänen für den Deutschen Pavillon 2013 auf der Venedig Biennale erzählt und mich gefragt, ob ich mir vorstellen könnte, als Projektleitung mit ihr zusammenzuarbeiten.

Mir war sofort klar, dass ich mit ihr gemeinsam ihr anspruchsvolles Vorhaben realisieren wollte. Denn nach dem Pavillon mit Christoph Schlingensief plante Susanne mit dem Pavillon in 2013 ein weiteres mutiges Projekt, das eine Debatte über die Grenzen der Kunst hinaus anregen würde. Auch mit diesem Ausstellungsprojekt wollte sie Konventionen und etablierte Vorstellungen im Spiegel der aktuellen gesellschaftliche Realität und den veränderten soziokulturellen Bedingungen zur Disposition zu stellen und neu interpretieren.

Dieser Ansatz hat mich in meinem Interesse, gemeinsam mit Künstler*innen bzw. mittels deren Arbeiten eine angestammte Vorstellungswelt infrage zu stellen, nachdrücklich beeinflusst. Rückblickend erkenne ich darin einen roten Faden, der viele meiner späteren Projekte miteinander verbinden sollte – Laure Prouvosts Schau im MMK (2016), die von Don Quijote inspirierte Gruppenausstellung Tilting at Windmills in meinem Frankfurter Projektraum Roberta (2017) sowie Casa Tomada (2018), ein Ausstellungsprojekt, das ich gemeinsam mit 19 internationalen Künstler*innen in Mexiko-Stadt realisiert habe.

Knapp 5 Jahren haben Susanne und ich zusammengearbeitet – im Anschluss an den Deutschen Pavillon am MMK in Frankfurt sowie parallel für die Fellbach Triennale, für die wir 2016 gemeinsam die Ausstellung Ökologien des Alltags entwickelt haben.

Mich hat stets beeindruckt, dass all ihre Projekte Ausdruck derselben klaren Vision waren und es bis heute sind. Sie lässt sich dabei von niemandem beirren – ganz im Gegenteil überzeugt sie andere von der Relevanz ihres Programms. Des Weiteren entscheidet sie bei der konkreten Realisierung von Ausstellungen kompromisslos stets im Sinne der künstlerischen Arbeit – da kann es schon mal sein, dass am Tag vor der Eröffnung grundlegende Entscheidungen nochmals neu diskutiert und verändert wird, weil es sich gezeigt hat, dass es sich für die Inszenierung der künstlerischen Arbeit als bedeutsam herausgestellt hat. Auch in dieser Hinsicht hat mich ihre Kompromisslosigkeit, immer zugunsten der künstlerischen Idee und ihrer Vermittlung zu entscheiden, nachhaltig geprägt.

Susanne ist mir aber bis heute nicht nur ein Vorbild aufgrund ihrer klaren und starken Haltung, die sie im Berufsleben verfolgt, sondern genauso – das ist mir hier ganz besonders wichtig ­zu betonen – für ihre Entscheidung, ihrem Privatleben und ihrer Familie eine besondere Bedeutung und Stellung einzuräumen. Bis heute ist es als Frau schwierig beruflich erfolgreich zu sein und genügend Zeit und Raum für eine Familie zu haben. Susanne hat dafür immer gekämpft, auch wenn sie dafür Kompromisse eingehen musste – ich hege ich dafür den größten Respekt und bewundere sie sehr.

Kathy Acker, 26th Studio, New York 1990. Courtesy and photograph: Michel Delsol

Lisa Gutscher with Kathy Acker

to Kathy A.

the Running element (water kingdom, quarry from

which or(e) & the oxygen

may be extracted: a reservoir

to See to See to Breathe)

turns to ice(seasoning

we may be better off)cold color in the either / space

between ruination and Oh let’s save the

ruin

cold otherworld bruising bruising

with one crack(ing) down my middle

i spread

my yellow wound toward

untoward shores & did not die

(nor) give up

the crumble(surrounding color must be neutralized for

a neutral color to Color)

to go back to blue

Courtesy: Verena Stefan

Kathrin Jira with Verena Stefan

In Deutschland erhalten die Protagonistinnen der verschiedenen Frauenbewegungen, anders als in Frankreich oder den USA, immer noch zu wenig Aufmerksamkeit und Wertschätzung. So dürften die wenigsten beispielsweise die Journalistin, fünffache Mutter und Frauenrechtlerin Hedwig Dohm (1833-1919) kennen, die als eine der Ersten die Frauen in Deutschland dazu aufrief, das Stimmrecht zu fordern. Oder die Schweizer Autorin Verena Stefan, die seit 1968 in Berlin lebte, und deren zur Buchmesse 1975 im neu gegründeten feministischen Verlag Frauenoffensive erschienenes Buch Häutungen sich bis 1980 über 200.000 mal verkaufte und die gelernte Krankengymnastin zur Bestsellerautorin machte. Was teilweise als Bibel der Frauenbewegung, oder zumindest als erster deutschsprachiger literarische Text einer Feministin der 70er Jahre bezeichnet wird, habe ich vor zwei Jahren eher zufällig entdeckt. Die Autorin Verena Stefan war mir und anderen meiner Generation kein Begriff. Dabei zählt Häutungen zu den meistgelesenen Büchern der neueren Frauenliteratur und hatte den Markt für eine derartige Literatur überhaupt erst geöffnet.

Heute stellen sich einem bei dem Wort „Frauenliteratur“ ein bisschen die Nackenhaare auf. Der Erfolg des Buches, der übrigens ausschließlich auf Mundpropaganda beruhte, deutet aber darauf hin, dass es damals ein Interesse, wenn nicht sogar Bedürfnis nach solcher Literatur gegeben haben muss. Häutungen ist der autobiographische Versuch einer jungen Frau sich aus den heterosexuellen Herrschaftsverhältnissen, die ihr Leben/ihre Beziehungen bis dato prägten, und der damit einhergehenden Selbstentfremdung, langsam herauszuschälen. Es geht um weibliches Körperbewusstsein und wie man es (nicht) in Sprache fassen kann. Ihre detaillierte Schilderung bestimmter Körpererfahrungen muss damals schockiert haben; sie hat jedenfalls die Menstruation literaturfähig gemacht. Von der feministischen Literaturwissenschaft wurde sie dafür kritisiert. Dadurch, dass sie die Frau vor allem als Geschlechtswesen darstelle, warf man ihr vor, werde die Frau abermals auf ihre Biologie reduziert, wogegen doch gerade anzukämpfen sei. Außerdem stritt man sich natürlich über die ästhetische Qualität des Buches.

Ich selbst habe in Verena Stefans Texten einen Ton entdeckt, der mich an bestimmte Strömungen der Gegenwartsliteratur erinnerte. Man könnte sie durchaus als Vorläuferin neuerer Formen des „Confessional Writing“ oder der „Autofiction“ bezeichnen. Genres, denen, gerade wenn sie von Frauen bedient werden, nicht selten der Vorwurf der Nabelschau, der Banalität des Privaten gemacht wird. Dabei ist nichts so politisch wie das Private; eine Erfahrung, die vielleicht jede Generation von neuem machen muss.

Seit 2000 lebte Verena Stefan mit ihrer Frau vorwiegend in Montreal, wo sie im Winter 2017 gestorben ist. Ich bin froh, dass wir im Sommer desselben Jahres ihren Text Und das ist der Grund in Edit wiederveröffentlicht und damit vielleicht ein wenig dazu beigetragen haben, dass der Name Verena Stefan wieder ein Begriff wird.