PASSE-AVANT
You lost me at "I don't like reading" - 1st Edition
Frankfurter Buchmesse 2017
09–10–2017

Eine Woche vor Beginn der Frankfurter Buchmesse haben wir Künstler*innen, Autor*innen und Kurator*innen gebeten, uns Bücher vorzustellen, die ihnen besonders am Herzen liegen.

Courtesy: Eleni Wittbrodt

Eleni Wittbrodt

Ein stilles und langsames Buch. Gerald Domenig tut am Anfang so, als ginge es um eine Erläuterung der Idee vom Gastmedium. Eigentlich versammeln sich hier aber ganz unprätentiöse Beobachtungen, feinste Notizen und Erinnerungsfragmente.

›Buch‹ kommt von ›Buche‹. […] Buchenstäbe waren die Runenstäbe und nicht etwa die Lettern, die man später im Buchdruck verwendete. Woraus diese hergestellt wurden, werden wir noch erfahren. › Rune ‹, germanisches Schrift- bzw. Zauberzeichen, von Geheimnis, Raunen (lat. rumor), Murmeln etc. Das Ganze, das ›Buch‹, hat seinen Namen von seiner kleinsten Einheit im Plural, von den Buchstaben. Man muß das nicht wissen, aber es ist evident: Ein Buchstabe ist ein Bild.

– Gerald Domening

Courtesy: Thomas Zipp & Kerber Verlag

Maximilian Wahlich

Rätseln über eine Gedankenwelt.

Es war seiner Eigenwilligkeit zuzuschreiben, dass er immer Bücher aus den Regalen zog, deren Titel nicht auf ihrem Rücken abzulesen sind. Sodann stemmte er das namenlose Buch, umwickelt in einer Schutzfolie, aus der überfüllten Regalreihe, entblätterte die Hülle und las auf dem Leinenumschlag in blass orangenen und perspektivisch verzerrten Lettern: Is there life after death? A futuristic world fair

(seine erste Überlegung: Eine mystische Lehre mit naturwissenschaftlicher Notation?) –

Er schlug das Buch auf.
Fotografien von raumgreifenden Installationen und einzelnen Gemälden. Kommentiert und Kontextualisiert durch nachträglich ins Buch skizzierte Überzeichnungen mit Bleistift:
Hinzugefügt sind abstrakte Formationen, verteilt auf allen Seiten.
Strahlenförmige Bleistiftlinien verbinden Dinge – Dinge, senden ebensolche Linien aus.
Kryptische Zeichen beziffern Inhalte.

(sein zweiter Gedanke zum Buchinhalt: Vielleicht der Gedankenkosmos eines Wahnsinnigen) –

Eine visuell-räumliche Spur der Psyche, die Installation eines Psychogramms – einer alptraumhaften Szenerie: Puppen mit kaputten Gliedern starren durch demaskierte Masken aus den Buchseiten. Sperrige Bestuhlungen und Liegen mit unbekanntem OP-Werkzeug als unheilvolles Inventar.

Seite für Seite weitergeblättert – gewappnet darauf, im nächsten Augenblick eine Schrecklichkeit zu sehen.

– (seine Vorstellung: Die sichtbare Marter an den Personen des Settings, glänzendes Werkzeug bohrt sich in fleischige Wunden, brennendes Entsetzen vor der Tat) –
Aber der Schrecken bleibt aus. Es folgt: Ein Portrait. Ein Totenkopf. Blumenstillleben. Ruhe.

(Vielleicht verzeichnet das Buch einen Tatort, einen Vollzug?) –

Die Tat ist vorbei und zurück blieb: Eine ohnmächtige Kulisse aus schwarzen Kisten, Särgen, Utensilien, Puppen und Bilder einzelner Protagonisten und Gegenstände. Das Ausbleiben jeder Sichtbarkeit einer Tat mutiert zum paradoxen Schrecken des Dargestellten – jene sterile Spurlosigkeit bricht eine nackte Leerstelle auf.

Erst die Bleistiftnotizen bekleiden das Dargestellte mit Informationen, stellen Relationen zwischen den Objekten her und verknüpfen das Gezeigte zu einem enigmatischen Netz aus Vermutungen, Informationsfragmenten und Fiktion.

Poetisch direkt und etwas herb wirken die Fotografien, Bilder und Bleistiftzeichnungen: Ihr Ursprung ist unklar, ihr Motiv ebenso. Sie sind dunkel, behalten aber klare Konturen.

Fortan umhaucht ein Geschmack von süßlicher Schwärze jene Eindrücke – bestimmend bleibt die raue Oberfläche mit feinen Farbabstufungen und eine grotesk Komische Note im Abgang.

Courtesy: Muriel Meyer

Muriel Meyer

Ich wähle zwei Bücher. Das erste steht für eingebildete Liebe und das zweite für wahrhaftige Liebe. Ich habe sie beide gebraucht.

Lesen hält, was Sex verspricht, doch kaum je einlösen kann - größer zu werden, weil man die Sprache einer anderen Person betritt, ihre Kadenz, ihr Herz und ihr Denken.

– Chris Kraus

I love Dick, eine Auto-Fiktion und es geht um Kunst. Nur anders.

Und im Privaten steckt auch das Politische, direkter sogar.

Ansonsten ist da viel Einbildung drin, etwas Sex, Witz und ein Briefaustausch, der recht einseitig ausfällt. Viel Feminismus, eine starke Frau und ihre Gedanken.

Wenn du nicht mehr weißt, wo dein Ich aufhört und das andere Du anfängt, du aber wissen musst, wo Du bist und wo das andere Ich ist. Und du irgendwie verstehen musst, was das alles war; so kam ich zu Ich und Du von Martin Buber. Das Buch stand in der christlichen Abteilung bei Hugendubel, Buber ist Jude gewesen und es erschien 1923, dabei ist es sehr gegenwartsbezogen — und handelt lange nicht nur von der romantischen Liebe, wenn überhaupt, es geht um das, was heute alle Ratgeber versprechen: Im gegenwärtigen Augenblick offen zu sein, um Verständnis, Erkenntnis und dadurch Glück zu erleben. Gleichzeitig kann es als Kritik am Materialismus gelesen werden, der nur eine Es-Beziehung kennt. Auf Kunst kann der Text durchaus auch bezogen werden und falls mit irgendeinem Text Liebe verstanden werden kann, dann mit diesem.

Courtesy: Aneta Kajzer

Aneta Kajzer

Eine verzweifelte Reise südwärts, durch die Kriegsverwüstungen. Er erreicht Würzburg. […]Die Kälte. An der Universität Mainz.[…]Auf dem Schiff, auf dem Weg nach Amerika! 11. August 1945 Ich sitzte auf einem Hügel und sehe nach unten. Unter mir Würzburg, in Ruinen, ein Fluss, blauer Nebel überdeckt alles. Ach, wie sich diese Landschaft von der Landschaft meiner Kindheit unterscheidet!Schwer atmend steige ich auf die Spitze des Berges.3. September 1947Ich starre aus dem Fenster.Soll ich nach Mainz gehen?Ich habe mein Brot für die Woche zusammengepackt.Zeitungen in den Rucksack gestopft.Aber was gibt es dort? In Mainz?21. Oktober 1949Ich spüre jetzt wirklich, wie Europa verschwindet.

– Jonas Mekas