PASSE-AVANT
all my beautiful faces
Aneta Kajzer
Opelvillen, Rüsselsheim
14–01–2019

CB Für deine letzte Ausstellung „all my beautiful faces“ hast du dich insbesondere mit der Thematik des Selbstportraits auseinandergesetzt. Neulich las ich in einem Gespräch mit Philipp Guston eine interessante Äußerung von ihm dazu: „Ein Maler hat doch nur zwei Möglichkeiten: Er malt die Welt oder sich selbst und ich meine die beste Malerei, die hier entsteht, kommt zustande, wenn der Maler sich selbst und durch sich selbst malt, sich selbst in dieser Umgebung und in der ganzen Situation.“ Glaubst du auch, dass das Wesen der Malerei die Reflexion der eigenen Umwelt ist und dadurch notwendigerweise zum Selbstporträt führt?

AK Ich würde Guston in dieser Hinsicht zustimmen. Allerdings produziere ich keine Selbstbildnisse im klassischen Sinne, da ich mich nicht selbst male. Vielmehr durchlaufe ich den Prozess, den Gaston als malen „durch sich selbst“ beschreibt: Allein dadurch, dass ich immer mit dem Bild alleine bin, ihm gegenüberstehe, mal davon zurück- und wieder herantrete und dann wieder auf etwas reagiere, was sich dort abspielt, kommt es automatisch zu einer Art Austausch. Das Potential davon liegt allerdings schon im natürlichen Verhältnis von Maler und Bild. Doch der Unterschied zu anderen Positionen mag dann vielleicht darin liegen, dass meine Bilder keine Vorbilder haben. Ich recherchiere zum Beispiel nicht im Internet Bildmaterial und überlege mir dann, was ich malen möchte, sondern die Bilder entstehen erst durch mich und meinen Umgang mit der Farbe und dem Material. Meine Malerei ist in dieser Hinsicht also doch sehr abhängig von diesem Ich-Bezug.

CB
Dieser Bezug wird auch deutlich, wenn man sich den Titel deiner Ausstellung anschaut. Wenn man deine Bilder betrachtet, dann scheint „all my BEAUTIFUL faces“ schon fast wie ein ironischer Kommentar, da die Bilder wenig zeigen, was wir traditionellerweise als schön empfinden würden. Es ist gerade dieser ironische Unterton, der bei vielen deiner Arbeiten mitschwingt. Was für eine Rolle spielt dieses Augenzwinkern in der Titelgabe für dich, wenn es gerade keine schönen Gesichter sind, die du zeigst, sondern verstörende oder peinliche berührte, verzerrte Gesichter?

AK Das stimmt schon, dass der Titel ironisch angelegt ist und wahrscheinlich müsste er auch eher lauten „all my ugly faces“ (lacht). Wie du richtig gesagt hast, sind die Gesichter, die man sieht, nicht schön und dann kann man sich fragen, was das nun über das Portrait aussagt. Während man für gewöhnlich versucht, in einem Portrait jemanden naturalistisch oder sogar schön und ideal darzustellen, zeigen meine Bilder Gesichter, die in Momenten festgehalten sind, die gerade im Gegensatz dazu stehen. Aber gerade das finde ich erst spannend. Die Möglichkeit, dass Bilder in der Lage sind, gemischte Gefühle zu erzeugen. Dass sie etwas ironisch Humorvolles darstellen können, aber ihnen auch gleichzeitig etwas Düsteres oder Melancholisches anhaften kann. Das ist dann nicht nur als Witz oder Ironie gemeint, sondern auch als Bild, als Setzung in der Malerei, ernst gemeint.

CB War das schon immer der Fall, dass dich diese Motive interessiert haben? Das Düstere, Peinliche, Komische – also all die Zustände, die erstmal nicht bequem, geradezu ungemütlich sind?

AK Ich glaube dieser Aspekt war schon immer da. Auch wenn ich als Kind oder Jugendliche Comics gezeichnet habe, dann waren da auch immer düstere Elemente in den Geschichten dabei. Wahrscheinlich ist es auch ein Teil der Persönlichkeit, dass man verschiedene Ebenen in sich vereint. Man kann auf der einen Seite lustig, humorvoll und fröhlich und auf der anderen Seite aber auch traurig, schwermütig sein und diesen Weltschmerz fühlen. Es ist dann vielleicht eher die Ambivalenz dieser Gefühlswelten, die in den Arbeiten zu tragen kommt. Eine Ambivalenz, die auch bei mir während des Malens entstehen kann und dann vielleicht auch auf den Betrachter transportiert wird.

CB Trotzdem sind es keine Gefühlswelten, die du vorher geplant hast, darzustellen. Deine Bilder entstehen erst im Prozess und ohne Vorbild, sodass dir vorher gar nicht bewusst ist, wie das Bild letztendlich aussehen wird.

AK Ja, es ist anfangs nicht klar, was auf dem Bild zu sehen sein wird. Es ist ein sehr intuitiver Prozess, bei dem ich versuche, mit der Form und den Farben zu experimentieren, und daraus entwickelt sich erst ein Gebilde, bei dem ich dann sage, „Hier sehe ich ein Tier oder ein Wesen oder ein Gesicht“. Doch das kann im Prozess dann auch wieder übermalt werden, sodass das, was im Endeffekt auf der letzten Schicht zu sehen ist, nicht unbedingt mehr das ist, was vorher dort war. Manche Elemente bleiben nur als Fragment übrig oder werden gänzlich vernichtet. Es ist ein ständiger Kampf um das endgültige Bild. Die letzte, entscheidende Schicht spielt immer mit den Elementen, die zuvor da waren.

Das vollständige Interview wurde zuvor auf KubaParis veröffentlicht.

Aneta Kajzer ist Künstlerin. Sie und lebt und arbeitet in Berlin, wo sie aktuell in das Goldrausch Künstlerinnenprojekt 2018 aufgenommen wurde.