PASSE-AVANT
Formulierte Farben
Anna Nero
Opelvillen, Rüsselsheim
12–08–2018

Ein Nasenring, ein Vorhang und eine Wurst treffen auf geometrische Linien und monochrome Farbflächen. Die Malerei von Anna Nero bringt scheinbar Unvereinbares zusammen. Die PASSE-AVANT Redaktion sprach im Rahmen der Ausstellung formula mit der Künstlerin über Photoshop, den Anfang einer möglichen Bildhauer-Karriere und den Fetisch-Charakter vom Labor der Opelvillen Rüsselsheim.

Anna Nero, Certain Curtain, 2018, Öl, Acryl, Tinte und Buntstift auf Leinwand, 130 x 100 cm. Courtesy: the artist

PASSE-AVANT Du sagtest mal in einem Interview, dass du nach bestimmten Parametern und Formeln arbeitest. Was meinst du mit der Formulierung genau?

Anna Nero Mein Malprozess beginnt meistens mit strengen, geometrischen Konstruktionen: Muster, Raster, Rahmen, Regale, statischen Gebilde. Auch eine Setzung aus drei abgeklebten, monochromen Flächen begreife ich in diesem Zusammenhang als Raster. Im nächsten Schritt folgen eher spielerisch und intuitiv gesetzte Gesten und Flächen, die sich an das darunter liegende System anheften oder es stören und zersetzen. Ab einem gewissen Punkt verselbständigt sich das Ganze jedoch und ich achte weniger auf die Abläufe, sondern mehr darauf wohin sich die Arbeit in ihrer Gesamtheit entwickelt.

PA Ein interessantes Charakteristikum deiner Malerei scheint mir, dass gerade gegensätzliche Elemente eine Liaison eingehen: Klar definierte Objekte treffen auf abstrakte Zeichen und Gesten, hell leuchtende Farben wie Pink und Türkis auf graue Hintergründe und der Farbauftrag variiert von pastos zu flächig. Was bedeutet es für dich mit diesen Ambivalenzen zu spielen?

AN Durch die eben beschriebene Methode ergeben sich Differenzen in Farbauftrag, Dichte und „Modus“: mal sind die Elemente flüchtig und gestisch, dann wieder klar begrenzt und streng gesetzt. Die Ambivalenz ergibt sich also ganz natürlich. Ich mag es, wenn dabei die einzelnen Elemente zu Akteuren des Bildes werden und enge Beziehungen eingehen – oder sich abstoßen. Sie kriegen dadurch etwas Ding- bzw. Wesenhaftes. Den Farbauftrag und die haptische Qualität der Oberfläche versuche ich divers zu gestalten, um auf die konkrete, dinghafte aber auch sinnliche Komponente der Malerei zu verweisen.

PA Du verwendest Öl, Acryl, Sprühfarbe, Lack, Marker und Kugelschreiber für deine Bilder. Wie definieren die unterschiedlichen Materialien deine Malerei und inwieweit bestimmen sie die Formen die entstehen?

AN Ich verwende praktisch alles, was ich in die Finger kriege, aber die zwei Hauptkomponenten bleiben Öl und Acryl. Wobei ich auch bei diesen zwei versuche, das gesamte Spektrum ihrer Möglichkeiten in Auftrag, Brillanz, Pastosität, Transparenz, etc. auszuloten. Manchmal sprühe ich Acrylfarbe aus der Dose auf, manchmal setze ich sie mit Hilfe von Impasto-Medium als dicke Wurst auf die Leinwand. Unterschiedliche Lack-Stifte und Marker nutze ich, um schnelle und spontane Striche zu setzen; bei ihnen ist die Farbigkeit und die Breite des Pinselstrichs bereits vordefiniert, sodass man weniger Parameter beachten muss. Außerdem spielen die erwähnten Ambivalenzen von gedeckt und grell und flächig und pastos auch eine tragende Rolle beim Generieren von räumlichen Illusionen und Tiefe im Bild.

Anna Nero, formula, 2018, Ausstellungsansicht, Opelvillen Rüsselsheim. Courtesy: the artist
Anna Nero, Näherin, 2018, Öl und Acryl auf Leinwand, 40 x 50. Courtesy: the artist

PA Besteht auch ein Zusammenhang zwischen den spezifischen Materialien und den Farben, die du verwendest? Welche Rollen spielen die Farben in deinen Arbeiten?

AN Ja, da gibt es natürlich einen Zusammenhang. Manche Farben sind wie bereits erwähnt vom Hersteller vordefiniert, wie etwa Sprühdosen oder Lackstifte. Andererseits ist es mir enorm wichtig, meine Öl- und Acrylfarben präzise zu mischen. Da meine Arbeit nicht direkt gegenständlich ist und sich auch nicht an einem Motiv aus der Natur orientiert, bin ich frei in der Farbwahl. Meine Palette ist daher eher von künstlichen, industriellen, poppigen Farben bestimmt als von Naturtönen. Diese Freiheit bedeutet aber auch, dass ich erst mal keinen oder wenig Anhaltspunkte habe. Sobald ich ein paar anfängliche Setzungen gemacht habe, bekomme ich eine erste Ahnung von einem möglichen Farbklang oder einer Atmosphäre, die ich dann versuche umzusetzen.

PA Deine Arbeiten bewegen sich in einem zurzeit sehr beliebten stilistischen Rahmen: Ich erinnere nur an die graphische Ästhetik, den planen Farbauftrag und die nüchternen Farben. Zeigt sich darin auch ein Einfluss deines Vaters, der selbst als Grafiker arbeitet oder welche anderen Einflüsse werden darin sichtbar?

AN Programme wie Photoshop, Illustrator und Flash, vor die mich mein Vater gesetzt hat, haben sowohl mein ästhetisches Empfinden als auch meine Vorgehensweise geprägt. Auch wenn ich meine Arbeiten nie am Computer plane, so erkenne ich in meinem Prozess die „Layers“ aus Photoshop: Schichten aus Farbe und Form, die sich nicht unbedingt verbinden. Ich denke auch an Vektorgrafiken und ihre perfekten Konturen.

Ich würde sogar noch weiter gehen und sagen, meine Arbeit schlägt in die zurzeit hochaktuelle Vermischung aus Grafik, Mode, (industriellem) Design und Kunst. Ich habe mich schon immer für Gestaltung interessiert, vor allem für die ästhetische Gestaltung von Dingen wie Home-Accessoires, Nippes, Designermöbel, Sextoys, Spielzeug und Mode.

PA Für deine aktuelle Ausstellung hast du dich von der Leinwand gelöst und zusätzlich Skulpturen angefertigt. Ich sage bewusst „zusätzlich“, da die Keramiken in enger Verwandtschaft zu deinen Bildmotiven stehen. Wie kam es zu dieser Entwicklung?

AN Die Arbeit an Skulpturen begann noch während meines Studiums in Leipzig. Ich beschäftigte mich damals sehr mit Hobbymaterialen und der ganzen DIY- und Tutorial-Kultur. Also begann ich, aus FIMO, einer ofenhärtenden Modelliermasse für Kinder, Objekte zu machen. Ich kam aber nicht weiter mit diesen Sachen und hab mich beim Diplom komplett auf die Malerei fokussiert. Erst vor ein paar Monaten habe ich wieder damit angefangen in Form von Keramik. Da sie in sehr enger Verwandtschaft zur Malerei stehen, sind die Keramiken wie von selbst entstanden. Ich habe dann in kurzer Zeit recht viele produziert.

PA Die Objekte scheinen die Malerei plastisch zu simulieren oder aber aus ihr entsprungen zu sein – im wahrsten Sinne des Wortes. Das Herauswachsen der zweidimensionalen Fläche hinein in den dreidimensionalen Raum verweist auf eine Wechselseitigkeit beider Dimensionen. Funktionieren diese unterschiedlichen Arbeiten auch isoliert voneinander oder nur als gemeinsame Inszenierung?

AN Die Objekte sind tatsächlich aus der Malerei entsprungen. Ich weiß noch nicht, ob ich diese Arbeiten ohne die Malerei in einer Ausstellung präsentieren würde. Ich bin nicht sicher, ob sie das aushalten. Bei der Malerei habe ich über die Jahre ein hohes Maß an Technik entwickelt, viele meiner grafischen Flächen würden nicht so gut funktionieren, wenn sie nicht präzise gemalt wären. Bei den Objekten habe ich bis jetzt einen eher spielerischen Zugang. Es kann sein, dass ich die Objekte erst mal technisch perfektionieren muss, bis ich sie als eigenständige Arbeit begreife.

Anna Nero, Wallflower, 2018, Keramik, gebrannt, glasiert. Courtesy: the artist
Anna Nero, o.T., 2018, Keramik, gebrannt, glasiert, 30 x 25 x 4 cm. Courtesy: the artist

PA Die Exaktheit deiner Formen steht den ironischen und teils willkürlichen Elementen gegenüber. Wir sehen eine Wurst, einen Nasenring, einen Vorhang oder einen wilden oder unpräzisen Pinselstrich neben streng komponierten geometrischen Figuren. Welche Rolle spielt der Humor in deinen Arbeiten, den wir auch in den Titeln wiederfinden?

AN Ironie und Humor sind wichtige Komponenten meiner Arbeit. Die Koexistenz scheinbar nicht zusammenhängender Elemente birgt eine gewisse Albernheit. Wenn ich in einem Bild ein bestimmtes Narrativ wittere, dass sich organisch entwickelt, greife ich es auf und verstärke es, so wie mit dem Piercing in Teenagers Room. Manchmal brauche ich das auch gar nicht, weil sich eine aus der Tube gedrückte Farbwurst wie von alleine in einen Regenwurm oder einem schlaffen Pimmel verwandelt. In diesem Animismus der Farbe und der Dinge liegt etwas grundlegend Kindliches und Magisches. Wie in den tanzenden Tassen bei Disney.

Anna Nero, Teenager's Room, 2018, Öl und Acryl auf Leinwand, 130 x 100 cm. Courtesy: the artist
Anna Nero, formula, 2018, Ausstellungsansicht, Opelvillen Rüsselsheim. Courtesy: the artist

PA Bei der Ausstellung formula ist vor allem die Korrelation zwischen dem strengen und cleanen Laborräumen der Opelvillen und deinen sehr klaren Arbeiten spannend. Welche Rolle spielt der Raum in deinen Arbeiten und im speziellen die Räumlichkeiten der Opelvillen bei den ausgestellten Werken?

AN Mir imponieren Räume wie das Labor, die eine eigene Erzählung transportieren. So clean finde ich ihn übrigens auch gar nicht: er hat etwas Verdorbenes, Rohes, Unheimliches, fast wie ein Folter- oder Hobbykeller. Auch die geflieste Wand gefällt mir gut als Klammer für meine gerasterten Bilder. Dadurch, dass die gezeigten Arbeiten auch im Labor entstanden sind (außer die Keramik), nehmen sie ganz natürlich Bezug auf die Umgebung der Ausstellung. Ich habe in früheren Ausstellungen ganz explizit mit kunstfremden Räumlichkeiten gearbeitet: Mit Kollegen aus Leipzig stellte ich etwa auf einer Zahnarztmesse aus oder bespielte einen leerstehenden Conrad-Elektrofachhandel. Bei diesen Ausstellungen beeinflussten die Räume maßgeblich die Arbeiten. Seitdem versuche ich, diese Erfahrung in meine Hängungen einfließen zu lassen und die Beschaffenheit des Raumes aufzugreifen.


Anna Nero ist Künstlerin. Sie lebt und arbeitet zwischen Frankfurt und Leipzig. Noch bis Mitte August nutzt sie das Labor der Opelvillen Rüsselsheim als Gastatelier bis es die gebürtige Russin für ein dreimonatiges Stipendium nach Columbus, USA zieht. Vom 17. August bis 2. September sind ihre Arbeiten bei der 25. Leipziger Jahresausstellung in der Werkschauhalle der Spinnerei zu sehen.