PASSE-AVANT
There's No Place Like Husslehof
Katharina Baumecker, Felix Große-Lohmann & Vojtěch Rada
Husslehof, Frankfurt
04–12–2017

Commissioned photography by Neven Allgeier

Es gibt unserer Ansicht nach keinen Ort in Frankfurt, der sich mit dem HUSSLEHOF im Gallusviertel vergleichen lässt. Sicherlich kennen viele bereits diesen Ausstellungsraum, doch wir haben uns gefragt, was ihn so besonders macht und Felix Große-Lohmann getroffen, um dies herauszufinden. Während der Finissage der Ausstellung “Image Format Candyflip” nutzten wir zudem die Gelegenheit, um mit Katharina Baumecker und Vojtěch Rada ins Gespräch zu kommen.

Carina Bukuts Aus welcher Motivation heraus ist der Husslehof eigentlich entstanden?

Felix Große-Lohmann Die Motivation, einen Ausstellungsraum zu machen, hat sich während des Studiums entwickelt. Mit Freunden hatte ich bereits Räume in Hanau und z.B. etwas in einem leerstehenden Kaufhaus organisiert. 2007/2008 habe ich die Szene in Frankfurt besser kennengelernt und war begeistert, weil es damals so viel gab: Atelier Ausstellungen, Lola Montez und auch kleine Offspaces oder temporäre Sachen. Irgendwie hatte ich dann das Gefühl, dass das so ein bisschen eingeschlafen ist und dass es Bedarf gab, etwas Anderes zu machen. So war die Motivation eben schon früh da und dadurch, dass ich dann die Möglichkeit hatte, Zugang zu diesem Raum zu kriegen, habe ich mir überlegt, dass es auf jeden Fall sinnvoll ist so was in Frankfurt zu machen. Insbesondere weil es gerade raumtechnisch schwierig ist.

CB Da stimme ich dir absolut zu. Wie kam es denn zum Namen Husslehof? Das habe ich mich tatsächlich schon eine Weile gefragt, weil der Name so einprägsam ist.

FGL Als ich den Raum damals im Auge hatte, habe ich ihn ganz vielen Leuten gezeigt: Freunden, Künstler*innen, Kurator*innen, Designer*innen und Architekt*innen oder Leute, die von einem ganz anderen Gebiet kommen. Die Meinungen waren damals 50/50. Manche Künstler*innen waren eher kritisch, da es hier keine großen Wände gibt und man keine Malerei zeigen könnte. Andere waren wiederum begeistert und haben mich in meiner Idee direkt unterstützt. Ich war mit Martin Stiehl und Jessica Sehrt von Realism Working Group da und habe ihnen den Raum im 70er Jahre Zustand der Wäscherei gezeigt. Als ich sie nach ihrer Meinung fragte, waren sie begeistert. Anschließend sind wir aus dem Hof rausgegangen und Martin Stiehl meinte „Dann sehen wir uns bald im Husslehof.“ Er hatte über einen Witz diesen Namen vorgebracht und wurde damit zum Namensgeber (lacht).

CB Das Gefühl kenne ich zu gut. Man zerbricht sich viel zu lange den Kopf und letztlich war die erste Idee die beste. Wann hat der Husslehof dann schließlich aufgemacht?

FGL 2013 haben wir schon unter dem Namen, als es hier noch eine Baustelle war, eine Ausstellung veranstaltet. Dann war ein Jahr Pause, wegen Umbau, und 2014 haben wir dann offiziell eröffnet.

CB Hattest du damals auch Hilfe von der Stadt oder ähnlichem, um den Raum aufzubauen?

FGL Ja, die Kulturförderung der Stadt Frankfurt hat über das Programm für den Umbau von leerstehenden Räumen für Kreative etwas dazu gesteuert. Ohne diese Hilfe hätte ich das damals auch nicht machen können.

CB Eine Frage, die ich mir natürlich auch stelle ist, wie du eigentlich die Ausstellungen kuratierst. Schließlich finden hier so viele unterschiedliche Ausstellungen statt… Ich erinnere mich z.B. an Daniel Richters Student*innen mit „Hallowien“, an „ die Gruppenausstellugen „The Internet is Present“ oder die „Corner“. Es treten beim Husslehof also immer viele unterschiedliche Formate zu Tage, sodass ich ihn als eine Plattform begreife, der sich durch seine Vielfalt situiert.

FGL Wie du bereits gesagt hast, passiert hier wirklich ganz viel Unterschiedliches, was sich auch auf die Herangehensweise beziehen lässt. Es passiert bei jedem Projekt anders. Das ist auch die Motivation dabei: Sachen zu zeigen, die eben noch nicht gemacht wurden, oder die man noch nicht gesehen hat. Wie z.B. bei Vojtěchs Ausstellung, der eine komplett neue Art der Präsentation entwickelt hat. Meistens entwickelt sich jedoch alles aus gemeinsamen Gesprächen mit Künstler*innen und Kuratoren und Kuratorinnen.

CB Nun steht ein Ausstellungsraum ja meist nie nur für sich selbst, sondern ist immer auch in die Struktur einer Stadt eingebunden, sodass ich gerne fragen würde, inwiefern sich der Husslehof auch auf das Gallusviertel auswirkt. Ich wage mal zu behaupten, dass der Husslehof für viele diese eine Instanz im Gallus ist, sodass viele nur wegen dem Husslehof überhaupt hierherkommen und dieser auch das Gallus aufgewertet hat.

FGL Es gibt hier schon noch weitere Räume. SIKS macht z.B. seit zehn Jahren Barabende, Partys, Lesungen, Konzerte und auch Ausstellungen. Nun gibt es auch das „Internationale Zentrum“ hier in der Straße, die auch viele Veranstaltungen organsieren. Es gibt auch das Galluszentrum, Gallustheater oder das Korrekt.

Katharina Baumecker Ich erinnere mich auch noch, dass ich das erste Mal im Gallus war, um hier zu einer Eröffnung zu gehen. Ich habe damals noch im Ostend gewohnt und kannte das Viertel nicht gut. Mittlerweile wohne ich hier selbst und bemerke, wie viel um mich herum passiert.

FGL Vielleicht noch Mal was zum Thema „Aufwertung“. Gerade weil es im Kunstkontext immer wieder ein Begriff ist, der sehr kritisch wirkt. Es gibt natürlich viele, die das problematisch sehen. Dadurch, dass Leute die Kreativität nutzen, um Mieten zu steigern. Aber das ist hier nicht der Fall. Es gibt jedoch stets Reibungen und Gesprächsbedarf diesbezüglich.

CB Das kann ich mir vorstellen. Immer wenn (junge) Leute Erfolg haben gibt es andere Parteien, die sich das zu Nutzen machen wollen Aber nun lasst uns doch mal ganz explizit über die jetzige Ausstellung „Image Format Candyflip“ sprechen. Wie genau kam diese Zusammenarbeit nun zu Stande?

KB Ich habe vor kurzem ein Gastsemester an der ZHdK in Zürich gemacht und Vojtěch ebenso. Wir haben uns ausgetauscht und er hat mir auch von seinem Projekt „Exploring Nollywood“ erzählt. Ich fand es total spannend und habe das von Minute 1 mitbekommen. Dann hatte ich die Idee, das Ganze weiterzuentwickeln und eine Form zu geben, ohne zu wissen, was für eine Form das nun überhaupt annehmen würde. Im Juni kam Felix nach Zürich, um Vojtěch kennenzulernen. Es war also relativ natürlich. Die Idee entstand aus einer Freundschaft und der Wertschätzung für die Arbeit des Anderen. Unsere Disziplinen sind ja unterschiedlich. Vojtěch ist Architekt, der auch künstlerisch arbeitet und mein „Curatorial Studies“ Studiengang beschäftigt sich unter anderem mit künstlerischen Herangehensweisen, Strategien und dessen Vermittlung.

FGL Vielleicht noch Mal was zum Thema „Aufwertung“. Gerade weil es im Kunstkontext immer wieder ein Begriff ist, der sehr kritisch wirkt. Es gibt natürlich viele, die das problematisch sehen. Dadurch, dass Leute die Kreativität nutzen, um Mieten zu steigern. Aber das ist hier nicht der Fall. Es gibt jedoch stets Reibungen und Gesprächsbedarf diesbezüglich.

CB Das kann ich mir vorstellen. Immer wenn (junge) Leute Erfolg haben gibt es andere Parteien, die sich das zu Nutzen machen wollen Aber nun lasst uns doch mal ganz explizit über die jetzige Ausstellung „Image Format Candyflip“ sprechen. Wie genau kam diese Zusammenarbeit nun zu Stande?

KB Ich habe vor kurzem ein Gastsemester an der ZHdK in Zürich gemacht und Vojtěch ebenso. Wir haben uns ausgetauscht und er hat mir auch von seinem Projekt „Exploring Nollywood“ erzählt. Ich fand es total spannend und habe das von Minute 1 mitbekommen. Dann hatte ich die Idee, das Ganze weiterzuentwickeln und eine Form zu geben, ohne zu wissen, was für eine Form das nun überhaupt annehmen würde. Im Juni kam Felix nach Zürich, um Vojtěch kennenzulernen. Es war also relativ natürlich. Die Idee entstand aus einer Freundschaft und der Wertschätzung für die Arbeit des Anderen. Unsere Disziplinen sind ja unterschiedlich. Vojtěch ist Architekt, der auch künstlerisch arbeitet und mein „Curatorial Studies“ Studiengang beschäftigt sich unter anderem mit künstlerischen Herangehensweisen, Strategien und dessen Vermittlung.

CB Wenn ihr das schon von Zürich aus geplant habt, war es sicherlich nicht ganz einfach, da Vojtěch die Räume ja noch nicht kannte und seine Arbeiten sich ja aber sehr direkt auf diese beziehen. Der Eingangsraum wirkt ja zunächst sehr architektonisch durch die Säulen, welche direkt in die Raumstruktur eingreifen. Doch dann geht man über in den zweiten Raum, der das gänzlich auflöst. Das „Kantige“, was die Besonderheit dieser Säulen definiert, auf denen Vojtěch gezeichnet hat, wirkt zunächst ganz konträr zu der (voluminösen) Kugel im zweiten Raum, auf der eine Videoarbeit projiziert wird. Wie genau habt ihr das dann konzipiert?

FGL Vojtěch hatte irgendwann den Grundriss von uns bekommen und aus diesem dann 3D Renderings von dem Raum gemacht. Sozusagen ein 1:1 Sketch-Up der Ausstellung vorneweg.

Vojtěch Rada Ich denke in diesem Fall war auch der Grundriss ganz wichtig für mich. Ein Besucher hat sich z.B. die Videoarbeit angeschaut und danach den Grundriss und hat dann gesagt, dass er nun alles verstanden hat (lacht). Das finde ich in diesem Fall auch wirklich wichtig, da die Säulen einen sternenförmigen Grundriss haben. Normalerweise mache ich architektonische Visualisierungen und ich kann damit so präzise arbeiten, dass es wie ein Foto aussieht. Aber selbst wenn ich solche Dinge für die Vorbereitung einer Ausstellung anfertige, sieht die Ausstellung am Ende doch ganz anders aus. Aber in diesem Fall sieht es eh ein wenig anders aus, als wir es geplant haben, da wir nicht alle Materialien hier hatten (lacht).

FGL Die Baumärkte im Umkreis von 20km hatten einfach nicht das Material, was wir gebraucht haben (lacht).

VR Aber das war gut! Deswegen haben wir es ein wenig anders gemacht und ich denke nun ist es auch wirklich besser, da man durch die Säulen laufen kann.

KB Was ich daran auch spannend finde ist, dass Leute, die vorher noch nicht hier waren die Säulen gar nicht erst bemerkt haben. Sie schauen sich dann erst die Videoarbeit an und gehen dann zurück in den Eingangsraum. Es ist ganz bestätigend, dass das funktioniert.

CB Das 3D Programm ist ja auch für sich eine sehr architektonische Methode, um sich einem Raum zu näheren. Das war auch einer der ersten Aspekte, die mir aufgefallen sind. Ich kam in den Raum rein und war zunächst mal durch diesen stark räumlichen Eingriff eingenommen. Daraufhin hat mich Katharina auch direkt aufgeklärt, dass Vojtěch Architekt ist (lacht). Ich hatte mal ein interessantes Gespräch mit einer Künstlerin darüber, dass man im Atelier Werke produziert, die jedoch in diesem Raum selbst gar nicht mehr ausstellt werden. Man „probt“ praktisch für die Ausstellung. Davon unterscheidet sich deine Arbeitsweise ja komplett, wenn du die Ausstellung im digitalen sozusagen „probst“.

VR Genauso gehe ich aber tatsächlich immer vor, wenn ich eine Ausstellung plane. Zuerst frage ich immer nach dem Grundriss. Für mich es ist wichtig, dass die Ausstellung stets als ganzer Raum begriffen wird und nicht als etwas, dass sich Stück für Stück zusammensetzt.

CB Die Auseinandersetzung mit dem Raum ist natürlich nur ein Aspekt dieser Ausstellung. Vielleicht könnt ihr noch erzählen, was hier sonst noch geschieht und was versteckt sich hinter „Nollywood.“

KB Nollywood wird die nigerianische Filmindustrie genannt. So wie es auch Hollywood und Bollywood gibt, existiert daneben auch Nollywood. Im Vergleich zu den anderen Filmindustrien hat Nollywood den größten Output bei dem kleinsten Budget. Dementsprechend sind auch die Filme besonders raw und grob in ihrer Ästhetik. Das war auch Vojtěchs Ausgangspunkt in seiner Auseinandersetzung.

VR Zunächst habe ich nur ein Filmplakat gesehen und bereits das war interessant für mich. Am Anfang haben die Leute dort nämlich noch keine Filme gemacht, sondern nur Filmplakate für Hollywood produziert. Das war dann nur ein „Copy“ von diesen neuen Filmen und dieses Kopieren fand ich sehr wichtig, um die nigerianische Kultur zu verstehen und letztlich auch mit ihr zu arbeiten. Du nimmst etwas aus dem Westen, kopierst und veränderst es ein wenig. Dieser Aspekt ist immer da und im Prinzip habe ich genauso gearbeitet, nur eben mit einer anderen Ästhetik.

CB Vielleicht könntet ihr noch kurz anreißen, was genau gezeigt wird.

FGL Zu sehen sind drei Arbeiten aus Gipskartonplatten die als sternförmige Säulen ein klassisches Architekturelement im Raum darstellen. Sie geben dem Besucher eine bestimmte Bewegung, Blickachsen und -punkte vor. Außerdem sind Handzeichnungen auf diesen Säulen angebracht, sodass sie als Bildträger fungieren. Diese Wirkung wird zudem durch die Lichtsetzung verstärkt. Im zweiten Raum befindet sich eine kugelförmige Sphäre, die als Projektionsfläche für einen zehnminütigen Künstlerfilm dient. Dieser erzählt die poetische Geschichte eines gestrandeten Astronauten. Als Bildmaterial dienten Found-Footage und selbst generierte 3D Renderings.

KB Als Teil der Ausstellung erscheint ein von Vojtěch gestaltetes Künstlermagazin. Es dokumentiert und visualisiert die Kommunikation zwischen Vojtěch und der Filmproduktionslandschaft über Social Media, Skype und Whatsapp. Ich begreife die Ausstellung als einen Teil des „Exploring Nollywood“-Projektes, ähnlich wichtig wie die Website von Vojtěch, über die er die Chancen des Web nutzt, um künstlerischen Austausch und neue digitale Technologien unentgeltlich anzubieten. Die Ausstellung ist eine zu realer Form gekommene Erfahrung dieses Gesamtprojekts, welches auch noch weitergeführt werden kann und soll. Am Sonntag fahren wir nach Prag und wir schauen, was dort noch passieren kann.

FGL Die nächste Ausstellung unter dem Titel „Inhale – Exile“ eröffnet am 7.12. um 19 Uhr. Das Künstlerkollektiv Knowles Eddy Knowles arbeitet in diesem Fall kuratorisch und archivarisch mit Kunstwerken, die das Thema Rauchen historisch beleuchten und reaktivieren. Es werden Arbeiten zu sehen sein von Michael Fernanden, David Hammons, Gareth James, Leisure (Susannah Wesley, Meredith Carruthers), Lee Lozano, Sean Lynch, Steffanie Ling, Anthony McCall, Daniel Olson, Nick Santos Pedro, Alessandro Rolandi, Lawrence Weiner, Norman


Husslehof
Koblenzer Straße 12
60327 Frankfurt am Main