PASSE-AVANT
Bodies As Social Maps of Integrity and Change
siren eun young jung
Kunstverein für die Rheinlande und Westfalen, Düsseldorf
25–07–2020
siren eun young jung, ‘Deferral Theater’, installation view, Kunstverein für die Rheinlande und Westfalen, Düsseldorf; photograph: Katja Illner

Langsam, still und fast beharrlich zoomt das Video heran bis sich die Körper zunehmend auflösen, gröber werden, bis zur Unkenntlichkeit – bis die Mimiken der Gesichter zu Rasterpunkten abstrahiert werden. Die Struktur dominiert nun die Fläche, Körper werden zu Metadaten eines Bildes. Es scheint, dass dort, wo eben noch eine Menschengruppe und das Hochzeitspaar zu sehen waren, durch das Heranzoomen auch die direkte Assoziation eines traditionellen Arrangements verschwindet, denn der „Bräutigam“ ist wider Erwarten kein Mann, sondern eine Frau und die „Gäste“ Teil einer koreanischen Theatergruppe. Dieser Prozess der kontinuierlichen Annäherung an ein Bild hinterlässt umso deutlicher etwas Unerwartetes im Zentrum unserer Wahrnehmung: Spekulationen eines post-heteronormativen Settings – wobei dieses aus der Mitte des 20. Jahrhunderts stammt. Vielleicht eine queere Utopie, die sich in einem Hochzeitsfoto versteckt?

siren eun young jung, ‘Deferral Theater’, installation view, Kunstverein für die Rheinlande und Westfalen, Düsseldorf; photograph: Katja Illner

The Wedding (2012), ein knapp dreiminütiger Video-Loop, markiert den Beginn der Einzelausstellung ‘Deferral Theater’ von siren eun young jung im Kunstverein für die Rheinlande und Westfalen, Düsseldorf. Grundlage für diese Arbeit ist eine Fotografie aus dem Archiv von Cho Geum-aeng, eine in den 1950er- und 60er-Jahren populäre Darstellerin aus der ersten Generation des koreanischen Theaterformates, Yeoseong Gukgeuk, womöglich vor oder nach einem ihrer Auftritte. Das Foto ist nicht nur Archivmaterial, sondern auch einer von vielen roten Fäden, die während der Ausstellung immer wieder zum Vorschein treten werden. Denn siren eun young jungs Videoarbeiten sind Teil eines langfristigen und komplexen Forschungsprojekts, welches die Künstlerin bereits seit 2008 verfolgt und sich darin intensiv mit Yeoseong Gukgeuk auseinandersetzt, einer Performance-Form, die ausschließlich weibliche Darstellerinnen auch für männlichen Rollen einsetzt. Dieses Format entstand im Korea der 40er-Jahre als Gegenformat zu den patriarchalen Strukturen des damaligen Theaters – in Anlehnung an die traditionelle koreanische Form der Oper, „Changgeuk“, welche exklusiv von männlichen Darstellern ausgeführt wurde.

Gleich fünf Videoarbeiten sind im Flur vor dem Eintritt in den eigentlichen Ausstellungsraum platziert und fangen die Betrachter*innen mit vielschichtigen Perspektiven auf Yeoseong Gukgeuk ab – eine Welt, die, sowohl vor als auch hinter der Bühne stattzufinden scheint. Ein Kosmos, der so vielschichtig und komplex ist, sodass die Ausstellung nicht als Zusammenfassung einer bestehenden künstlerischen Forschung funktioniert, sondern vielmehr als Eintritt in ein Universum, das eine große Aufmerksamkeitsspanne für sich beansprucht: Sind wir darin bloß Betrachtende oder bereits Teil einer Inszenierung, in der wir Gender-Aspekte unserer eigenen Körper „performen“?

siren eun young jung, A Performing by Flash, Afterimage, Velocity, and Noise, installation view, Kunstverein für die Rheinlande und Westfalen, Düsseldorf; photograph: Katja Illner

Die Detailaufnahmen der ingesamt 19 Videoarbeiten zeigen nicht nur die Körper der Darsteller*innen, sondern auch den Prozess der Transformation selbst. Was benötigt es, um im Ausdruck möglichst „authentisch männlich“ zu sein? Wie viel „Männlichkeit“ nimmt diese Rolle auch außerhalb der Darstellung im Leben der Interpretin ein? Directing for Gender (2010) zeigt eine der Schlüsselfiguren und Protagonistinnen der ersten Yeoseong Gukgeuk-Generation, Kim Hyeri, die eine eigene Interpretation männlicher Rollenstereotype vorträgt, basierend auf einem Script von 1955. Ein roter, markanter Vorhang rahmt sie fast majestätisch ein und verbindet sich mit Kim Hyeri zu einer Art performativen Gedächtnis.

Das Eintauchen in diese Theaterform bei siren eun young jung kein abgeschlossener Raum, sondern eröffnet beim Betreten weitere Türen zu Räumen der Betrachtung. Hinsichtlich der Fragen von vermeintlicher, geschlechtlicher Authentizität, Heteronormativität und queere Strukturen in der zeitgenössischen Performance und deren ambivalentem Verhältnis zur Theater-Tradition.

Mit der Videoarbeit Act of Affect (2013) ereignet sich der erste Generationenwechsel – hier entsteht ein Shift zur nun dritten Generation und deren Darstellerin Nam Eunjin, welche innerhalb dieser Sequenz ihre Vorbereitungen für ihre Rolle mit den Betrachter*innen teilt. Vier Blickwinkel, die in Form eines Splitscreens simultan Training, Proben, Gesang und Bewegung im Raum zeigen, transformieren die vorherigen, einzelnen Stimmen zu einem „Chor“ der Körperteile. Zu Gast hinter den Kulissen treffen wir auf die Elemente der Transformation selbst: Binde, Bart, Kleidung – wie „wertvolle“ Utensilien werden sie sachte berührt, gleichzeitig sind sie unerlässliche Werkzeuge der Verwandlung. Am Ende der Vorbereitung sitzt die Performerin allein im leeren Saal, ein Szenario, das unter den derzeitigen Pandemie-Umständen schon fast gespenstig zeitgenössisch erscheint.

siren eun young jung, ‘Deferral Theater’, installation view, Kunstverein für die Rheinlande und Westfalen, Düsseldorf; photograph: Katja Illner

Spätestens, durch das Kennenlernen der unterschiedlichen Generationen von Yeoseong Gukgeuk-Darstellerinnen im Laufe der Ausstellung zeigt sich, dass Tradition und queere Performance einander nicht ausschließen, sondern sich gegenseitig in ihrer Komplexität weiterentwickeln können. So greifen sowohl bekannte und zusätzliche neue Körper und Archivmaterial ineinander, tauchen gemeinsam auf, lösen einander ab, treten in einen Dialog und verbinden Aspekte der Tradition mit denen der modernen Darstellung.

Während sich in Directing for Gender (2010) und Act of Affect (2013) das Bild rund um die Performerin selbst verdichtet und diese in den Fokus rückt, lösen die darauf folgenden Arbeiten Le Nouveau Monde Amoureux (2014) und Anomalous Fantasy, Korea Version (2015) diese Präsenz auf und öffnen den Raum zum Publikum als Resonanzkörper. Statt sich uns exklusiv als Betrachtende zuzuwenden, vermittelt nun der Theaterraum zwischen schauspielernden und beobachtenden Beteiligten. Die Videoarbeiten leben nicht nur von räumlichen Verschiebungen zwischen Intimität der Vorbereitung und Öffentlichkeit, sondern auch von Konstanten und der Wiederkehr einzelner Körper und Archivelemente.

siren eun young jung, ‘Deferral Theater’, installation view, Kunstverein für die Rheinlande und Westfalen, Düsseldorf; photograph: Katja Illner

In Sorry, the performance will be delayed (2018) performt Nam Eunjin erneut. Auch sie wird im Bildaufbau von fotografischem Archivmaterial begleitet, welches in Form von Paneelen einen Teil der Bühne ausbildet. Die Akustik der Produktionsvorgänge, die als Störgeräusche hervortreten, erweitern den Raum – fast wirkt das Ganze wie ein Rehearsal, das von der Technik der Transformation zur männlichen Rolle in Yeoseong Gukgeuk erzählt. Welche Voraussetzungen und Anstrengungen liegen darin verborgen und wie wird aus repetitiven Elementen des Schauspiels „Männlichkeit“ erzeugt?

Als „Publikum“ haben wir auch in der räumlichen Anordnung keine fixierten Plätze: Blicken wir auf die rundrum angeordneten Arbeiten oder blicken diese auf uns? Die Performances scheinen über die dargestellten Räumlichkeiten hinauszugehen und sich mit unserer Anwesenheit zu verbinden. Hinter uns das leere bühnenartige Podest in der Mitte des Ausstellungsraumes – ob dieses als Überbleibsel einer Inszenierung, als theatrales Relikt verbleibt oder auch ein Symbol für unsere eigenen imaginativen Fähigkeiten von Gender-Projektionen darstellt? „Some women would mistake you for a man“ ist einer der Aspekte von Gender-Fluidität – zwischen darstellerischer Perfektion und Ambivalenz der binären Betrachtung – anhand derer wir unsere eigenen kulturellen und sozialen Einschreibungen hinterfragen können.

„A ruined genre“? Queer Performance und die Vereinbarkeit mit der Tradition des Theaters

Yeoseong Gukgeuk erlernt sich im Übrigen weitgehend durch die mündliche Weitergabe. Es drängt sich die Frage auf, ob das spezifische Genre durch diese Form der Übertragung nicht automatisch an Offenheit und Anpassungsfähigkeit gewinnen musste und somit gar nicht aus der Zeit zu fallen braucht, sondern dadurch eigentlich noch zeitgemäßer wird. Deferral Theatre (2018) ist als raumgreifende Videoprojektion, die sich räumlich getrennt vom Haupt-Ausstellungsraum erschließt, eine Auseinandersetzung zwischen den uns bereits bekannten Nam Eunjin, Park Minhee, Lee Jaeun, sowie Jeong Eonjin und Kim Dawon, bekannt als Dragking AZANGMAN. Die Arbeit wirft Fragen zu unserer Wahrnehmung von Tradition auf – Wie nehmen wir diese wahr: als Metapher, oder als Medium? Wie können wir einen konstruktiven Nutzen daraus ziehen, ohne die repressiven Merkmale fortzuführen, welche immer noch Genderkonformität einfordern? Die Interviews eröffnen einen kritischen Dialog und das individuelle Verständnis von Gender und dessen Relation zu Theatertradition und -moderne. Was hat die Performance von Geschlecht mit Rhythmus, Raum, Tradition und Erwartungen der Gesellschaft zu tun? Ein Puzzle, das Stück für Stück ein größeres Bild dieser zusammenhängenden Prozesse aufzeigt. Die Aussagen drehen sich unter anderem um die Frage, wie Rollenbilder und die Rolle in der Gesellschaft, sowie der Bühne und wirkliches Leben ineinander übergehen.

siren eun young jung, ‘Deferral Theater’, installation view, Kunstverein für die Rheinlande und Westfalen, Düsseldorf; photograph: Katja Illner

Ist Yeoseong Gukgeok wirklich nicht mehr aktuell – nur ein Relikt einer längst vergangenen, eine nicht mehr zeitgemäße Darstellungsform? jung entscheidet sich bewusst für die Befragung der Performativität von Gender vor dem Hintergrund dieser spezifischen Theatertradition. Es geht nicht nur um die darin enthaltenden Paradoxien im Zusammenhang mit Queer-Performance, sondern auch um eine Kritik der Hierarchien des Wissens und damit auch um die Rolle des Archivmaterials selbst. Aller Erwartungen von Statik zum Trotz zeigt sich darin eingeschlossen seine volle Beweglichkeit durch die Körper der Protagonist*innen, ergänzend zu dem historischen Bildmaterial, welches jung an verschiedenen Stellen vorder- oder hintergründig einbettet. Mit dieser Zielführung ist es umso verständlicher, dass jung Zeitgenossinnen aus verschiedenen performativen Bereichen (Musik, Drag, Schauspiel) in ihre Videoarbeiten einbettet, denn durch ihre individuelle performative Verkörperung manifestiert sich eine Herangehensweise an den Gender-Begriff, welcher inklusiv agiert und interdisziplinär arbeitet.

Nach dem Werden und Un-Werden („becomings & un-becomings“) – Sein und Sichtbarkeit

A Performing by Flash, Afterimage, Velocity, and Noise (2019) ist die jüngste der ausgestellten Arbeiten, welche auch im Koreanischen Pavillon der 58. Venedig-Biennale 2019 zu sehen war. Ein immersives Eintauchen, die Omnipräsenz des Multichannel-Video-Monuments, dass wie ein Gegenpol zu Deferral Theatre (2018) auf der gegenüberliegenden Seite des Raumes liegt, erzeugt durch die Club-ähnliche Dichte an Sound eine Installation, bei der man schnell vergisst, welche Raum- und Zeitvorgänge um einen herum stattfinden. Hineinfallen, darin verschwinden/auflösen – wir erinnern uns an die visuellen Mechanismen der Auflösung des Hochzeitsfotos in The Wedding (2012), nun übertragen sie sich auf die Körper der Betrachter*innen. Im Video: Bewegungen, die scheinbar von Schwerkraft unbeeinflusst in verschiedenen Ebenen stattfinden. Von statischen Bewegungsabläufen loslassend, fließen diese ineinander zwischen Hektik und Ekstase, was zusätzlich durch den treibenden Sound elektronischer Musik strukturiert und rhythmisiert wird: „[...] a strong sensory experience […], in disparate bodies, questioning all violence that comes from the pursuit of accordance, the normative, normalization, building identity in a sense of integrity.“ (Hyunjin Kim, „History Has Failed Us, but No Matter“, 2019)

siren eun young jung, ‘Deferral Theater’, installation view, Kunstverein für die Rheinlande und Westfalen, Düsseldorf; photograph: Katja Illner

Die Protagonist*innen sind daher nicht zufällig die queeren Performer*innen Yii Lee, KIRARA, AZANGMAN und Ji Won. Fragen der Bewegungsfreiheit treffen auf Freiheit und Selbstwahrnehmung des eigenen körperlichen Ausdrucks und die Bühnenpräsenz diverser und sich ihrer Selbstbehauptung hingebender Körper. Damit gelingt siren eun Young jung die visuelle Zusammenführung von Diversität der Ausdrucksformen, indem sie das Theatrale und dessen Inszenierung, die auf Körpern beruht, in eine andere, immersive Zeitlichkeit hebt, welche die scheinbar festgelegten historischen Koordinaten von Yeoseong Gukgeuk in Zweifel zieht und hier neu anordnet. So schält die Künstlerin Fragilität, nicht nur die des Genres selbst, sondern auch die der Körper heraus aus der Klammer einer vermeintlichen Schwäche und Verletzlichkeit wird zu einer Stärke, die sich visuell und atmosphärisch überträgt.

siren eun young jung – Deferral Theatre
29. Februar – 26. Juli 2020

Kunstverein für die Rheinlande und Westfalen
Grabbeplatz 4
40213 Düsseldorf