Feels Good Being You Again
Simon Senn
Tanzhaus NRW, Düsseldorf
24–01–2021
Simon Senn, Be Arielle F, 2020, performance documentation. Courtesy: the artist; photograph: Elisa Larvego
Aufgrund der derzeitigen Stilllegung der Spielflächen durch die Corona-Pandemie, hat der Genfer Künstler Simon Senn seine ursprünglich als Bühnenstück konzipierte Arbeit Be Arielle F (2020), die aktuell im Zuge des ‚Festival D’Images‘ im Düsseldorfer Tanzhaus NRW gezeigt wird, an die Gegebenheiten anpassen müssen. Senn arrangiert sich mit diesen neuen Rahmenbedingungen, indem er sie als Potenzial statt Limitierung begreift und Be Arielle F findet nun dort statt, wo es auch produziert wurde: Zwischen dem virtuellen und privaten Raum. Als parallele Veranstaltung zwischen dem Tanzhaus NRW und dem Le Grütli in Genf sind die Betrachter*innen zeitgleich zu Besuch bei zwei Spielstätten – oder zumindest deren Online-Plattformen – während die Performance in den Privaträumen des Künstlers stattfindet und via der Konferenz-Software Zoom dem Publikum zugänglich ist. Dieses kann potenziell überall aus der Welt teilnehmen, wo es Zugang zu einer zuverlässigen Internetverbindung hat.
Die Übersetzung der Performance ins Zoom-Format ist zugegebenermaßen eine Herausforderung, assoziieren wir das Medium mittlerweile doch vorrangig mit Ermüdungserscheinungen angesichts ausschweifender Videobesprechungen im beruflichen Bereich. Dementsprechend erscheint Be Arielle F zunächst wie ein Vortrag des Künstlers, in welchem er seinen Rechercheprozess zu der Arbeit schildert und durch Videosequenzen ergänzt. Angesichts der Adaption der Performance an die virtuellen Gegebenheiten mag dieser Eindruck – intendiert oder nicht – weitgehend der Plattform geschuldet sein. Schließlich steht der Akteur nicht auf der Bühne, sondern sitzt an seinem Schreibtisch zwischen Mobiliar und Zimmerpflanzen.
Um innerhalb dieses Formats einem Handlungsverlauf zu folgen, fungiert Senn gleichermaßen als Moderator und Berichterstatter. Im Wesentlichen entwickelt sich die narrative Ebene des Stücks jedoch aus den Schilderungen des spezifischen Vorhabens des Schweizer Künstlers: Er will die digitale Reproduktion eines menschlichen Körpers im Internet erwerben. Auf der Suche nach einem virtuellen 3D-Avatar, der seinen eigenen Körpermaßen entspricht, wird Senn bei den entsprechenden Herstellern allerdings nicht fündig, da sich das Repertoire der männlichen Sektion auf breitgebaute Staturen beschränkt und damit ein Körperideal bedient, was diverse Erscheinungsbilder ausschließt und stereotypische Geschlechterrollen reproduziert.
Aufgrund dieser limitierten Produktauswahl von Firmen, die digitale Duplikate von Menschen anbieten, greift er schließlich auf die weiblichen Modelle zurück. Mit Blick in die Kamera erzählt Senn, dass er in einem Webshop einen virtuellen Frauenkörper für zehn Pfund Sterling gekauft und mittels einer Motion Capture Software animiert hat. Um ihn zu beleben, müsse er in diesen fremden Körper steigen, erklärt der Künstler und legt sich einen VR Tracking-Gürtel sowie eine VR Brille an. Auf den wenigen Quadratmetern, die ihm seine Wohnsituation bietet, springt er in die Luft, kreist die Arme und posiert in verschiedenen Haltungen. Diese tanzenden Bewegungen werden durch die Virtual Reality Technologie auf die bislang reglose Computergrafik übertragen. Statt des eigenen Anblicks betrachtet Senn nun den entsprechenden Körperausschnitt des erworbenen Avatars, inklusive der weiblichen Attribute. Aufmerksam prüft er die spezifischen Merkmale des Körpers, wie den tätowierten Schriftzug am Schlüsselbein oder die rot abgeschürften Fersen, welche auf die individuelle Geschichte ihrer Besitzerin verweisen. Amüsiert stellt er zudem fest, dass die Fußsohlen im Scanvorgang nicht berücksichtigt wurden. Über eingeblendete Bildschirme kann das Publikum die virtuelle Transformation mitverfolgen.
Simon Senn, Be Arielle F, 2020, video still and performance documentation. Courtesy: the artist
Diese erste Erfahrung der Aneignung eines fremden Körpers, beschreibt Senn als sensationelles Gefühl. Dennoch spürt er Hemmungen angesichts seiner nahezu grenzenlosen Handlungsfreiheit, welche ihm die Lizenz bei Erwerb des digitalen Duplikats zugesteht. Laut des Online-Anbieters stehen ihm – mit Ausnahme sexuell expliziter Handlungen – sämtliche Möglichkeiten der Anwendung frei. Ob die Darstellung eines Lapdance des nackten Avatar-Körpers innerhalb der Performance als eindeutig sexuelle Aktion einzustufen sei, fragt Senn. Der Händler glaubt, dass eine solche Darbietung nicht im Konflikt mit den festgelegten Nutzungsbedingungen stehen sollte. Wo verläuft demnach die Grenze und was gilt schon – oder noch nicht – als „sexuell explizite Handlung“? Und wer ist befugt darüber zu entscheiden? Es drängt sich der Verdacht auf, dass die rechtliche Lage zur öffentlichen Nutzung eines computeranimierten Körperscans schwerwiegende gesetzliche Grauzonen aufweist. Ab welchem Punkt verlieren Personen das Recht auf ihre Rechte?
Trotz der vertraglichen Festlegung der uneingeschränkten Nutzungsrechte scheint die moralische Frage der Autor*innenschaft ungeklärt. Durch das entstandene Bedürfnis, der menschlichen „Besitzerin“ ein Mitspracherecht einzuräumen, macht Senn diese über einen Instagram-Beitrag ausfindig und kontaktiert die junge Frau. Er ist der Auffassung, dass sie als „Urheberin“ für die Nutzung ihrer virtuellen Kopie auch entlohnt werden sollte. Da sie im Grunde die gleiche Hülle teilen, möchte er sich zudem über das Erlebte austauschen und die Frau über die Aktivitäten mit ihrem Körper in Kenntnis setzen und Transparenz schaffen. Welche Bedingungen würde sie für die Nutzung ihres Körpers festlegen, wenn sie dazu bemächtigt wäre? Um dies zu erfahren, möchte Senn sie an seiner performativen Arbeit teilhaben lassen. Persönlich treffen sie sich zuvor in ihrer Heimatstadt London für ein erstes Kennenlernen. Dort berichtet er von sämtlichen Aspekten seines künstlerischen Projekts und kann sie letztlich von ihrer Beteiligung an der Inszenierung überzeugen. Um ihre persönlichen Daten zu schützen, wird sie unter dem Pseudonym Arielle F auftreten.
Simon Senn, Be Arielle F, 2020, performance documentation. Courtesy: the artist; photograph: Elisa Larvego
„Feels good being you again,“ schreibt Senn während der Performance als Textnachricht an Arielle, die das Publikum im geteilten Bildschirm mitlesen kann. Nach einem knappen iMessage-Chat folgt sie seiner Einladung und tritt der Zoom-Performance bei. Erstmals ist das real existierende Vorbild des animierten Körpers für die Zuschauer*innen sichtbar – ebenso das Gesicht. Arielle F stellt sich als junger Mensch mit breitem Lächeln und einem offenen Wesen heraus, die im Kern jedoch von der Gesamtsituation befremdet wirkt.
Warum diese Frau ihren Körper als 3-D-Scan zum Verkauf anbietet? Arielle F studiert in London, braucht Geld und hat für den 10-minütigen Auftrag, der ihr über eine Agentur vermittelt wurde, 700 Pfund erhalten. Das Angebot war lukrativ und mit geringem Aufwand verbunden, daher schien eine weitere Auseinandersetzung mit den möglichen Konsequenzen nicht notwendig. Ob es eine entsprechende Aufklärung gab, bleibt fraglich. Ihre eigenen Scans hat Arielle im Nachhinein nicht gesichtet. Wie es sich anfühle, eine digitale Reproduktion von sich im Internet zu verkaufen, will Senn von ihr wissen, als sie der Vorstellung via Facetime zugeschaltet wird. „Kind of scary“, gesteht sie. Ob sie zustimmen würde, dass Menschen virtuell in ihren Körper schlüpfen? Idealerweise wüsste die Britin schon gern, wer ihr Duplikat temporär bewohnt. Ist es die Anonymität der Nutzer*innen, die uns beim Gedanken an den Verkauf einer Kopie unseres Äußeren unheimlich ist?
Auf die Videoaufnahmen, die den Künstler in Interaktion mit ihrer Replikation zeigen, reagiert Arielle verunsichert. Was sie bei dem Anblick empfinde? Sie weiß es nicht klar zu definieren: „Though it’s me, it’s totally not me at the same time. “ Die Darstellung entspricht zwar ihrem Aussehen, doch die Art des Auftretens wirkt befremdlich. Solche ambivalenten Gefühle stellen sich bei Senn ebenfalls ein. Das bisherige Selbstbild des Künstlers ist erschüttert durch die intime Erfahrung einen virtuellen Frauenkörper für sich einzunehmen. Die Möglichkeit, der eigenen Weiblichkeit so anschaulich zu begegnen, ist außergewöhnlich. In der Auseinandersetzung mit dem Frauenkörper wurde er mit den als weiblich konnotierten Facetten seiner Identität konfrontiert. Er hat Schwierigkeiten in den eigenen Körper zurückzufinden, beschreibt er. Dieser irritierende Zustand führt ihn zu der entscheidenden Erkenntnis, dass die Identität als komplexes Konstrukt nicht über binäre Geschlechtszuschreibungen und Gender Stereotypen definiert werden kann. „The unconscious has no sex,“ bestätigt seine Psychologin in einer eingespielten Tonaufnahme einer Therapiesitzung. Durch die affirmative Performance von Weiblichkeit erlebt sich Senn aus einer unbekannten Perspektive. Er erkennt Aspekte seiner Persönlichkeit, die bisher verborgen waren und nicht seiner Sozialisation entsprechen.
Simon Senn, Be Arielle F, 2020, video still. Courtesy: the artist
Doch wie kann dieser Umgang mit dem Körper nach dem Experiment fortbestehen? Indem er seine weiblichen Eigenschaften akzeptiert, statt sie wieder zu verwerfen, kann sich ein neues Ichbewusstsein entwickeln. Das Feminine ist nicht das Andere, sondern eine Ergänzung des Bestehenden. Sinnbildlich dafür zeigt das laufende Video den neu entstandenen Avatar aus Arielles Körper und Senns Kopf an der Wasseroberfläche schwebend. Eine Wiedergeburt als fluides Selbst. „Before being a man or a woman, we are all subjects,“ wird die Szene untertitelt.
Dieses Zitat der Psychologin birgt eine gewisse Ironie, wird Arielle F durch die Veräußerung ihres Körpers doch zum Objekt degradiert. Trotz Senns Bewusstsein darüber hat er keine schwerwiegenden moralischen Bedenken und führt das Projekt fort. Zwar wird die Urheberin einbezogen, doch kann sie das Geschehen nur gering beeinflussen. Angesichts ihrer geringen Selbstreflektion ist zudem fraglich, ob sie das bestehende Machtverhältnis kritisch hinterfragt oder die Aktionen des Künstlers aus Gleichgültigkeit toleriert. Insbesondere der Moment, indem der Kopf des Künstlers von einem maskenhaften Face-Filter überdeckt wird, der nach Arielles optischem Vorbild gestaltet ist, erzeugt bei den Betrachter*innen ein Gefühl der Beklemmung, das sich nicht auflösen wird.
Diese empathische Regung lässt die vorgebliche Differenzierung von Virtualität und Realität diffus werden. So dekonstruiert sich diese vermeintliche Dualität in Be Arielle F auf der narrativen und räumlichen Ebene. Die erzeugte Symmetrie aus Prozess und Resultat, Virtualität und Realität, durchzieht die gesamte Konzeption und Handlung des Stücks. Obschon das digitale Format visuell wenig überzeugen kann, da die Möglichkeiten von Zoom nicht ausschöpft werden, macht die gedankliche Auseinandersetzung die Teilnahme an der Inszenierung reizvoll. Anhand des vielschichtigen Handlungsablaufs werden relevante Fragen zu Identität, Autor*innenschaft und Handlungsmacht aufgeworfen – bleiben jedoch meist unbeantwortet. Ebendiese inhaltliche Komplexität kann die szenische Umsetzung noch nicht vollends greifen. Interessant bleibt zu verfolgen, inwiefern Senn in seiner künstlerischen Praxis an die Thematik anschließt und die dargestellte Problematik weiterdenkt. Das Potenzial hierfür wäre gegeben.
Simon Senn, Be Arielle F, 2020, performance documentation. Courtesy: the artist; photograph: Elisa Larvego
Simon Senn – Be Arielle F
Die nächste Aufführung via Zoom findet am 24. Januar 2021 um 20 Uhr statt. Karten können für 5€ hier erworben werden.

Tanzhaus NRW
Erkrather Str. 30
40233 Düsseldorf