PASSE-AVANT
Paradiesische Insel
Frankfurts Neue Altstadt als Vergangenheitsmodell und verpasste Chance
08–10–2018
Frankfurts Neue Altstadt, 2018. Courtesy and photograph: DomRömer and Uwe Dettmar

In meiner Traumstadt können alle Menschen an Entscheidungen und Prozessen teilhaben und am urbanen Leben beteiligt sein. Es geht um Teilhabe durch demokratische und humane Orte, die für unsere Mitbewohner*innen und Touristen gedacht sind. In meiner Wunschstadt gibt es viele Zentren, Peripherien sind selbst wieder Mittelpunkte angrenzender Orte.

Eine Utopie

wie sich einmal mehr bei der Frankfurter Neuen Altstadt bewiesen hat.

Es handelt sich um das prominente Areal zwischen dem Römerberg und dem Dom, gleich neben der Schirn Kunsthalle. Hier befand sich schon im Mittelalter der städtische Nabel, welcher seitdem eine facettenreiche Geschichte vorzuweisen hat.

Die aktuellste Neuerung: 35 strahlendfrische Gebäude mit Gewerbeflächen und 80 Wohneinheiten. Die Straßenverläufe orientieren sich am Grundriss der Vorkriegszeit. Die Bauwerke reichen wiederum von detaillierten Rekonstruktionen bis zu munteren Uminterpretationen historischer Stile. Letzteres führt schließlich zu stilistischen Abweichungen von der schutzschildhaften Fassadenverkleidung mit Dachziegeln bis hin zur Strandhütten-Ästhetik mit pastellfarbenen Holzpaneelen.

Der restaurative Wiederaufbau, gespickt mit einem unter Bauordnungen und ästhetischen Richtlinien domestizierten Pluralismus, wirkt fast niedlich in seiner postkartenreifen Homogenität. Gesichtslos und unschuldig, erinnerten diese Rekonstruktionen einer heilen Welt nicht auch an die „Altstadtgesundung“ der Nationalsozialisten. Mahnend läutet da auch die Forderung des konservativ-revisionistischen BFF im Jahr 2005 ins Gedächtnis, wo mit der Formel der „traditionsreichen Stadtgeschichte“ auf „malerische Fassaden“ mittelalterlicher Fachwerkhäuser und „wohlige Speisegerüche“ Grüner Soße und Bockworscht verwiesen wird. Ein Erfolgsrezept – vor 13 Jahren eingefroren und heute aufgetischt: Die Neue Altstadt positioniert sich dabei auch zu der Frage welches Geschichtsverständnis wir heute vermitteln wollen.

Frankfurter Altstadt, 1944

Früher war alles besser – das gebaute Geschichtsbild ist falsch und gefährlich. Es ist falsch, weil es „Vergangenheit“ verklärt. Sie wird als eine Zeit pittoresker Marktplätze, hübscher und erstaunlich bunter Fassaden in Szene gesetzt. Die repräsentierte Zeit wurde unter einem Korrektiv wiederhergestellt: Mit ihren überschaubaren Räumen und der makellosen Architektur wird einer vorindustriellen Zeit gehuldigt, kritiklos und geschönt. Fast vergisst man beim Anblick dieser künstlich ausgedehnten Straßen die schreienden Ungerechtigkeiten und Krankheiten jener Epochen. Diese Vergangenheit ist heute das Wunschszenario einer bürgerlichen Mitte, die es wohl leid geworden ist ihre Privilegien zu rechtfertigen – das war in Zeiten, wo Geburt den Stand legitimiert noch leichter!

In dieser lückenlosen und naiven Rekapitulation zeigt sich, wie versucht wird die Geschichte dieses Ortes zu übertünchen. Dass genau an dieser Stelle 1944 bloß noch vereinzelte Fassadenreste aus den Kriegstrümmern ragten wird unvorstellbar und bald ist auch das vergessen. Das Verdrängen dieser traumatischen Zäsuren scheint Ziel gegenwärtiger Politiken zu sein.

Das selbstbewusst vorgetragene Nationalbewusstsein vieler Menschen wurzelt in eben solchen historischen Bauwerken, solchen Denkmälern. Sie halten dem weltweit gleich scheinenden Bürotürmen eine „Identität“ entgegenhalten. Eine „Identität“, die sich als festes Stereotyp herausstellt und offenbar nur in der vergangenen Zeit zu finden sein scheint. Dem Aberglaube einer guten Vergangenheit wird ein Gesicht gegeben.

Aus Rücksichtnahme vor den historischen Kulturgütern ihren aus der Zeit gefallenen Stil zu rekonstruieren, scheint mir genau falsch herum. Müssten wir nicht gerade aus unserer Verpflichtung gegenüber der Geschichte einen anderen Umgang finden? Müssten wir nicht die verwendeten Spolien deutlich machen, indem wir das Neue vom Alten erkenntlich abgrenzen? Müssten wir nicht einen Stil bauen, der auch unseren demokratischen Fortschritt zeigt?

Stattdessen wird gezeigt was der Ort einst war. Er stand für Repräsentation und in der selben Rhetorik präsentiert Frankfurt ein bestimmtes Prozent seiner Bewohnerschaft und deren Sinn für Bestandssicherung und historischer Wiederholung.

Frankfurts Neue Altstadt, 2018. Courtesy and photograph: DomRömer and Barbara Staubach

Räume definieren Lebensrealitäten.

Den immer lauter werdenden Klagen nach bezahlbaren Mieten und dem mangelnden urbanen Wohnraum begegnet die Neue Altstadt mit der Gleichgültigkeit einer leblosen Kulisse. Die stadtpolitische Agenda ignoriert die Bedürfnisse moderner Städte und ihrer Bewohner*innen, sie setzt dem ein penibel gebautes Modell entgegen, was sich primär an Touristen richtet und wohlhabende Bürger*innen als Statisten missbraucht. Das gehobene Bürgertum ist beliebt, weil es Stabilität suggeriert.

Immer wieder wird diese verdrehte „Reurbanisierung“ mit der Erklärung entschuldigt, dass hier schon immer die Reichen und Mächtigen in Nachbarschaft zu Rathaus und Dom wohnten. Dass dieses Argumentationsmuster konsequent ausgeführt den Rückschritt aller Emanzipation und Demokratie bedeuten würde und direkt rückwärts in Vormoderne Zeiten führe ist das Paradoxon dieses atavistischen Alptraums.

Zugänglich ist die paradiesische Insel primär über den Römer. Das Rathaus, der Platz und der Kunstverein wirken wie Sammelplatz und Aussichtsplattformen hinein in die idyllische Neue Altstadt. Die Altstadt grenzt sich hingegen nach Außen ab und fängt die Besucher*innen wieder ein: Auswege gibt es nur über schmale Gassen zur Brauchbachstraße und einen Weg zum Dom. Schirn Kunsthalle und ehemaliger archäologischer Garten versperren die Wege zur Mainseite vollständig. Das schwer zugängliche Straßensystem der Altstadt öffnet sich erst im Innern durch den mittig platzierten Marktplatz. Dieses Areal wendet sich von der Umgebung ab und wird, bildlich beschrieben, staunend vom Römer angesehen und betreten.

Frankfurts Neue Altstadt, 2018. Courtesy and photograph: DomRömer

Dass sich diese Bewohner*innen, die statistisch gesehen zu den reichsten wenigen Prozent der Stadt gehören, abschotten ist weder orts- noch zeitspezifisch. Ganz ähnliche Umsetzungen mit engen Gässchen und dichten Gebäudeschluchten lassen sich beispielsweise bei der geplanten Randbebauung des Berliner Humboldtforums/Friedrichswerdersche Kirche beobachten: Seit kurzem evoziert auch dieses alteingesessene Zentrum von Macht wieder Unzugänglichkeit und arkane Sicherheit. Diese Tendenzen laufen Parallel zu der fortschreitenden Zentralisierung von namhaften Kultureinrichtungen. Damit werden nicht nur kulturelle Hotspots geschaffen, zugleich dörren auch periphere Stadtlagen aus. Diese neu kreierten Stadtteile wirken magnetisch auf Touristen, verhindern aber zugleich jede alltagstaugliche Infrastruktur. Mit der Akkumulation von Kultur- und Prestigebauten werden Touristenströme dergestalt organisiert, dass ihre Radien einfach abzuschätzen sind. In Folge fällt es dann auch leichter innerhalb dieser abgrenzbaren, stark frequentierten Quartiere ein bestimmtes Image zu konstruieren – im Fall von Frankfurt das Image einer Stadt, die ihre hässlichen Architekturwunden zumindest an diesem Ort heilen konnte. Die Bewohner*innen und die scheinbar authentischen Geschäfte dieses Areals repräsentieren Frankfurt als eine Stadt der Gleichverteilung, dem entspannten Klima und des sorgenfreien Lebens. Diese Zentren haben keinen Bezug mehr zu den Mitbewohner*innen der Städte. Sie halten sich fern ab davon und dienen den Bewohner*innen, Initiatoren und Besucher*innen wie einst der Repräsentation.

Unklar ist, warum bei den drückenden Stimmen vernachlässigter Menschengruppen am sozial-ökonomischen Rand kein integratives Zentrum gebaut wurde. Ein Gemeinschaftsort, ein Platz mit offener Nutzung. Diese Idee gab es schon einmal an diesem Ort: Das Technische Rathaus mit vielfältigen Nutzungsmöglichkeiten. 2005 wurde jedoch der Abriss beschlossen, um der gebauten Nostalgie Platz zu machen.

In meiner Wunschstadt gäbe es einen solchen Ort wieder. Ein Ort, wo unterschiedlichste Veranstaltungen stattfinden, adressiert an Touristen und die Bewohner*innen dieser Stadt.

Einmal mehr eine „verpasste Chance“, wo Frankfurt mit einem solchen Zentrum innovatives Vorbild hätte werden können. Statt der volkstümlichen Illusion einer heilen Welt hätte man zeigen können wie, trotz aller Ungleichheiten, alle Menschen zusammen Teil der Stadt sind.

Frankfurts Neue Altstadt, 2018. Courtesy and photograph: DomRömer and Uwe Dettmar