PASSE-AVANT
Heitere Moderne am Main
Wie eine Institution versucht, sich zu erinnern
Museum Angewandte Kunst, Frankfurt
08–03–2019
Grete Leistikow, Treppe zum Bierkeller, ca. 1930, Vintage Print, 8,6 x 11,8 cm © Galerie Berinson, Berlin

Aus den Trümmern des Ersten Weltkrieges entwickelte sich in den expressiven 1920er Jahren in Frankfurt die Utopie einer Großstadt. Das Neue Frankfurt war in erster Linie ein allumfassendes Stadtmodernisierungsprojekt, das eine bauliche, gestalterische, kulturelle und geistige Neuausrichtung forderte und nicht ausschließlich als Reaktion auf die herrschende Wohnungsnot zu verstehen ist. Nicht zuletzt die Anbindung an die industrielle Moderne versprach eine Überwindung von Feudalität und dadurch eine Verbesserung der verkrusteten Verhältnisse in Deutschland.

Unverzichtbar für einen solchen Wandel war ein interdisziplinäres Netzwerk mit Akteur*innen aus Kunst, Architektur, Design und Politik, die sich durch Experimentierfreude und Erneuerungswillen auszeichneten. Allen gemeinsam war das Anliegen, durch ästhetische Umgestaltung eine soziale und demokratische Gesellschaft zu bilden. Die Formung einer Neuen Stadt sollte alle Bereiche des menschlichen Lebens betreffen und schlug sich sowohl in den freien und angewandten Künsten, als auch in den neuen Medien, im Produkt-, Interieur-, Industrie-, und Kommunikationsdesign nieder. Ein universaler Anspruch, der den Neuen Menschen vollends umfassen und umgeben sollte, aber nicht von allen gleichermaßen angenommen wurde.

'Moderne am Main', 2019, Ausstellungsansicht, Museum Angewandte Kunst © Jennifer Dyck
Aus der Serie Bibliothek der Frankfurter Küchen #1 Im Heidenfeld, Siedlung Römerstadt © Laura J Gerlach

Die aktuelle Ausstellung Moderne am Main 1919–1933 im Museum für Angewandte Kunst zeigt bis 14. April 2019 die umfangreichen avantgardistischen Konzepte der Frankfurter Moderne – darunter Gemälde, Fotografien des Neuen Sehen, experimentelle Filme und Entwürfe der Textil- und Modegestaltung, aber auch das 1924 im Südwestdeutschen Rundfunk ausgestrahlte allererste Hörspiel. Eingangs kann man sich mittels Virtual-Reality-Installation das Netzwerk des Neuen Frankfurt veranschaulichen. Highlight ist zudem der Theremin-Synthesizer, dem ersten elektronischen Instrument, dass den Besucher*innen zum Ausprobieren zur Verfügung steht.

Ella Bergmann-Michel mit 35mm Kinamo Kamera 1932 © Courtesy: Sünke Michel

Auch der Künstlerin Ella Bergmann-Michel, die heute leider nur Wenigen ein Begriff ist, wird ein prominenter Teil der Ausstellung gewidmet. Die „Schmelz“, ein Gehöft im Taunus, wo sie mit ihrem Mann lebte und arbeitete, wurde schnell zum Künstler*innen-Treffpunkt, vereinte und vernetzte wichtige Gestalter*innen aus verschiedenen Bereichen. Als Hauptverantwortliche für die „Liga für den unabhängigen Film“ dokumentiert Ella Bergmann-Michel nicht nur filmisch die Arbeit des Neuen Frankfurt, sondern trägt auch entscheidend zur künstlerischen und sozialreformerischen Bewegung der 1920er Jahre bei. Sie organisiert Filmabende bei denen Filme der Avantgarde an verschiedenen Orten der Stadt gezeigt werden. Immer finden Einführungen statt und zu Gast sind oft die Regisseure selbst. Anschließende kritische Diskussionen beinhalten meist die zunehmend antimodernen, dezidiert antisozialistischen Tendenzen der politisch herrschenden Kreise und des sich verbreitenden rechten Mobs. Als sich die Lage 1933 verschärft, filmt sie in den Straßen Frankfurts auf eindrückliche Weise den letzten Wahlkampf vor der Machtergreifung der Nationalsozialisten, sie wird festgenommen und muss ihre Arbeit einstellen. Dieser letzte Film wird innerhalb der Ausstellung nicht erwähnt, hätte aber die brisanten Missstände jener Zeit verdeutlicht.

Frühjahrsmesse Frankfurt, 1927 © Deutsches Architekturmuseum

Schon die im Ausstellungstitel gesetzte Zeitspanne von 1919 bis 1933 verdeutlicht, dass das Neue Frankfurt in einer Zeit zwischen den Kriegen existierte und bereits 1933 den Akteur*innen der Boden entzogen wurde. Präsentiert wird die Blütezeit einer noch heute gefeierten Frankfurter Moderne, nachgezeichnet die facettenreiche Umbruchphase einer durch Krieg geschundenen Gesellschaft, die in eine neue und bessere Zeit aufbrechen wollte. Wie beim Bauhaus beendete der Nationalsozialismus die utopischen Vorstellungen des Neuen Frankfurt. Widmet man sich momentan überall kritischen Fragen zum Thema Bauhaus, etwa nach dessen Aktualität, bleiben solche Überlegungen über die „Moderne am Main“ im Rahmen der Ausstellung unbeachtet und die Errungenschaften des Neuen Frankfurt weitestgehend unreflektiert. Unerwähnt ist beispielsweise, dass sich gerade die Arbeiter*innen den neuen Lebensstil nicht hatten leisten können oder diesen gar ablehnten, um sich nicht in die statisch konzipierte Form des modernen Menschen und seinen Bedürfnissen pressen zu lassen. Zudem hätte man gerade dieses Ausstellungsthema über das Zu-Wort-Kommen der Bewohner*innen Frankfurts anekdotischer gestalten können.

Moderne am Main
19. Januar – 14. April 2019

Museum Angewandte Kunst
Schaumainkai 17
60594 Frankfurt