Hommage an unsere Stadt am Main
RERESET
basis Projektraum, Frankfurt am Main
11–03–2022
by Naomi Rado
Dominik Dresel, Skyline 1, exhibition view, basis, Frankfurt. Photograph: Max Huckle

Groß mag der Basis Projektraum in der Elbestraße 10 des Frankfurter Bahnhofsviertels nicht sein, doch Max Huckle und Dominik Dresel eröffnen mit ihrer Ausstellung ‚RERESET’ ihre eigene kleine Welt - oder eher ihren eigenen Blick auf die Stadt? Von einer Miniaturlandschaft Frankfurts soll dabei nicht die Rede sein, und diese Konnotation haben die Künstler wohl auch kaum intendiert. Doch gerade im Zusammenspiel der Werke, in ihrem symbolhaft annähernden Verweisen auf die Beschaffenheit der umgebenden Gebäude, stellen sie einen dezidierten Bezug zur Hochhausmetropole am Main her, der von der Realität des städtischen Alltags nicht allzu weit entfernt scheint. 

Dominik Dresel, Skyline 1, exhibition view, basis, Frankfurt. Photograph: Max Huckle

Auf den ersten Blick haben die Werkgruppen der beiden Künstler nicht viel gemein. Reliefartig und fragmentiert, wirken die kleinformatigen Gebilde von Huckle, die trotz Rahmenlosigkeit zweifellos Bildcharakter haben und zugleich mit der Zweideutigkeit spielen, sie könnten authentische Artefakte sein. Grenzen sie sich zwar von den dahinterliegenden Wänden des Projektraums ab, so weisen sie doch durch ihre optische Struktur konstant auf sie zurück. Die rauen Oberflächen geben den Anschein, als habe man sie einem zerfallenden Gebäude entnommen, als wäre der, mal mehr mal weniger bröckelnde, Putz behutsam abgetragen worden und im Ausstellungsraum in neuen Kontext gesetzt. Dabei zeigt der Künstler technische Finesse, handelt es sich doch eben nicht um Stein oder Beton, sondern auf hölzernen Malgrund aufgetragene Farbschichten, durchsetzt von pastosen Details. Und vielleicht sogar absichtliche Risse? Die malerischen Kompositionen Huckles verweisen so auch auf das Malerische, das Schöne, am Zerfall jener Gebäude, die, wie es scheint, der Restaurierungsarbeiten nicht mehr lohnen, oder schlicht ihre Funktion getan haben und des Daseins gefristet sind, bis an ihrer Stelle etwas Neues zu entstehen wartet. 

Max Huckle, Green Light Go, exhibition view, basis, Frankfurt. Photo: Max Huckle

Dresels skulpturale, raumgreifende Installation Skyline 1 setzt an anderer Stelle an und vollzieht die Verwandlung zum Gebäude in zweierlei Hinsicht. Die Arbeit wirkt, so möchte man fast meinen, wie eine Planstadt aus dem Boden hochgezogen. Handelsübliche Postkartenständer, vom Künstler in Formation gerückt, sind fein säuberlich mit einzelnen, ebenfalls im üblichen A6-Postkartenformat geschnittenen, Acrylglasscheiben und Spiegeln versehen. Sie mimen, im Verhältnis zu ihren filigranen Gerüsten maßgetreu, die Glasfassaden der Wolkenkratzerkulisse. 

Dominik Dresel, Skyline 1, exhibition view, basis, Frankfurt. Photograph: Max Huckle

Auch die subtilen autobiografischen Bezüge der Arbeit unterstützen diese Lesart. Dresel integriert einige Fotografien, die als transparente Folien vor den imitierten„Fenstern“ platziert sind und auf denen, neben einer Baugenehmigung für Reparaturarbeiten der Fassade des New Yorker MoMa, unter anderem der Künstler selbst mit seinen Schwestern vor der Skyline in Manhattan zu sehen ist. An Humor mangelt es Dresel dabei nicht: So findet sich unter den Fotos auch der französische Freikletterer Alain Robert, der zuletzt in Frankfurt für Aufregung sorgte, als er in Cowboy-Stiefeln und ohne Sicherung die Fassade des ebenfalls im Bahnhofsviertel befindlichen DB-Towers erklomm. An einem anderen der Ständer, wie ein Platzhalter für ein weiteres Glasfragment, ist eine Holzscheibe mit scheinbar authentischen - zumindest aber im Stadtraum bekannten und viel vertretenen - Graffiti-Tags angebracht. Wurde hier etwa eine Scheibe eingeschlagen? Zur Sicherheit ist dieser - wie auch immer entstandene - Durchzug mit Beschlag verdeckt und, wie es der Alltag nicht anders erwarten ließe, kürzlich später subkulturell angeeignet worden. An anderer Stelle ist unübersehbar ein Sticker mit dem Logo der Eintracht Frankfurt angebracht. Auch dieser fügt sich nahtlos in das reale wie auch künstlich geschaffene Stadtbild ein. Doch Dresel belässt es nicht dabei, sich die eigene Skyline zu bauen. Er verewigt sie auch auf der vorfrankierten Postkartenedition, auf der sie, besonders aus der Distanz betrachtet, den zahllosen Stadtansichten der tatsächlichen Frankfurter Skyline gleicht, die unweit der Ausstellung in jedem Souveniershop zu kaufen sind. 

RERESET, exhibition view, basis, Frankfurt. Photo: Max Huckle

Nicht postmodern, sondern analytisch ist der symbolische Umgang mit dem Sujet, dem sich beide Künstler mit ihrer Materialwahl nähern. Die Fassade als Fragment und als organisierte Struktur kehrt in ihren Werken wieder und das inhärent Architektonische an ihnen verbindet sie zu einem Deutungszusammenhang. In diesem Zusammenspiel der Werke von Huckle und Dresel zeigt sich auf visueller Ebene prozessual die Dynamik von Vergänglichkeit und Fortschritt des sich ständig verändernden Stadtbilds einer Metropole, ohne dabei die Romantisierung des Kaputten und Verwitterten als Negatives abzustoßen. Integrativ arbeiten beide mit diesem Moment des Brüchigen, das als Teil und Sediment des Vergangenen jeder Erneuerung, sei es durch Gentrifizierung, Restaurierung oder Abriss, innewohnt. 

Max Huckle, the color of your face in winter, exhibition view, basis, Frankfurt. Photo: Max Huckle

Die Ausstellung ‚RERESET‘ war bis zum 25. Februar 2022 zu sehen.

'RERESET'
bis 25. Februar 2022

Künstler*innen
Max Huckle & Dominik Dresel

basis Projektraum
Elbestraße 10
60329 Frankfurt am Main