PASSE-AVANT
Ist reden nicht immer die beste Lösung?
Hanne Lippard, Ian Wilson, Adam Pendleton
KW Institute for Contemporary Art, Berlin
15–03–2017
Hanne Lippard, Flesh, 2016, installation view, KW Institute for Contemporary Art, 2017. Courtesy: the artist and LambdaLambdaLambda, Prishtina; photograph: Frank Sperling

Weltweit gibt es rund 6500 Sprachen laut dem Max-Planck-Institut in Leipzig. Doch auch, wenn es zunächst nicht so scheinen mag, stirbt die Sprachvielfalt aus. Der Grund dafür ist, dass viele ihre Lokalprache zugunsten einer Nationalsprache ablegen. Begreift man Sprache als einen wichtigen Bestandteil einer Kultur, lässt sich fragen, ob dieser Sprachwegfall ebenso einen Kulturverlust für den Einzelnen bedeutet. Andererseits kann diese Assimilation ebenso einen Dialog eröffnen, der vorher nicht möglich war. In gleicher Weise argumentiert man, wenn man die Wichtigkeit von Englisch als Weltsprache betonen möchte. Englisch ist zum Schweizer Taschenmesser unserer Gesellschaft geworden. Es ist einfach zu bedienen, jeder kennt es und es vereint mehrere Werkzeuge in einem. Letztere Eigenschaft macht sich vor allem dadurch bemerkbar, dass Englisch in der Kommunikation gleich eine Vielzahl an Funktionen erfüllt, indem sie als Bildungs-, Handels- und Verkehrssprache fungiert. Nicht nur als Kommunikationsmittel, sondern auch als Material für künstlerische Arbeiten findet man Englisch auch im Kunstbetrieb wieder.

In Berlin zeigen die KW – Institute for Contemporary Art derzeit eine Ausstellung, die sich nicht nur der Sprache widmet, sondern ihrer Kommunikation. Unter neuer kuratorischer Federführung von Krist Gruijthuijsen eröffneten die KW am 19.01.2017 gleich zwei Einzelausstellungen, die im direkten Bezug zueinanderstehen. Die norwegische Künstlerin Hanne Lippard bildete den Auftakt einer Ausstellungsreihe, in der sich nach und nach Künstler auf das Werk von Ian Wilson beziehen. Inzwischen hat sich noch der US-amerikanische Künstler Adam Pendleton in das Programm eingereiht und Mitte März bekommen sie Zuwachs von Paul Elliman.

Betritt man die frisch umgebauten Räume der KW, wird man mit einem Gefühl der Leere willkommen geheißen. Ein schönes Gefühl, von dem man fast vergessen hatte, dass es in Zeiten der Reizüberflutung noch existiert und in gleicher Weise ein Gefühl, dass die Immaterialität von Ian Wilsons Arbeiten begünstigt. Während Wilsons frühere Werke von monochromen Leinwänden bis schließlich zu Kreidekreisen auf Boden und Wand reichen, löst der Künstler sich Ende der 1960er Jahre bald gänzlich von der visuellen Materialität. Die gesprochene Sprache wird zum neuen Medium des Künstlers, doch er erklärt: „Es ging mir weniger um das Wort selbst, als um die Kommunikation und das Gespräch, das sich daraus ergab.“ Die Vitrinen im Erdgeschoss, die mit Einladungskarten befüllt sind, sind die einzige „Dokumentation“ der Discussions, die Ian Wilson initiierte. Diese Ankündigungen materialisieren hierbei jedoch nicht die Diskussionsrunden, zu denen er eingeladen hat, sondern agieren als Stellvertreter der eigentlichen Arbeit. Diese existiert nur in der Dauer der geführten Unterhaltung. Die Stellvertreter bekommen ihre Funktion schließlich am letzten Tag der Ausstellung entzogen, indem Ian Wilson am 14. Mai 2017 zu einer Discussion mit den früheren Direktoren und Kuratoren der KW einlädt.

Hanne Lippard, Flesh, 2016, installation view, KW Institute for Contemporary Art, 2017. Courtesy: the artist and LambdaLambdaLambda, Prishtina; photograph: Frank Sperling

Weiße kahle Wände, die freigelegte Decke der Fabrik und den großen Platz, den man den minimalistischen Arbeiten Wilsons einräumt, manifestieren das Gefühl der Leere. Sie steigert die Neugier zu der Abschlussveranstaltung und nachdem sich das Wort „Dialog“ in Dauerschleife in dem Kopf des Besuchers gebrannt hat, möchte man zu gerne in diesen treten. Bis dahin betreten wir die Audioinstallation von Hanne Lippard. Über eine beigefarbene quietschende Wendeltreppe, gelangt man in den niedrigen, quadratischen Raum, der mit einem rosafarbenen Teppich ausgelegt ist. Ein umlaufendes Fensterband gibt den Blick nach draußen frei. Flesh heißt die Audioinstallation und benennt damit abermals ein Gefühl anstelle eines Materials. Fragen wie „If you could stop time when would you do it and why“ suchen die Nähe zum Zuhörer – zum Körper – doch die Stimme Lippards bleibt Fleisch, indem sie nur ein Gefühl der Intimität schafft, welches nicht materialisiert wird, sondern auditiv bleibt. Während Wilsons Discussions eine Resonanz fordern, braucht Flesh keinen Gesprächspartner, sondern allem voran einen Körper, der ihm begegnet, der Stufen besteigt, den Teppich spürt und der Stimme zuhört. Eine Stimme, die sanft ins Ohr dringt und der man gerne 12minuten lang lauscht, wie sie ein Narrativ aus Worten formt, die sich strukturell und syntaktisch verschieben. Doch der Körper, dem diese Arbeit begegnet, muss makellos sein. Wenn das verbindende Element der gezeigten Ausstellungen (Wilson/Lippard/Pendleton) die Sprache als künstlerischer Akt sein soll, dann stellt Flesh eine Exklusion, derer dar, die nicht mal eben die Stufen der Installation besteigen können. Sie bleiben vor der Treppe stehen, können sie betrachten, aber nicht mit ihr agieren. Sie hören die Stimme nicht.

Ian Wilson, Circle on the floor (Chalk Circle), 1968. Courtesy: the artist and Jan Mot, Brussels; Ian Wilson, The Pure Awareness of the Absolute / A Discussion, 2014, Courtesy: the artist and Jan Mot, Brussels; photograph: Frank Sperling
Ian Wilson, selected writings 1968–1989. Courtesy: the artist and Jan Mot, Brussels; photograph: Frank Sperling

Auf einer Wand, die das dritte Stockwerk diagonal teilt, klebt eine Vinylfolie mit den Worten „If the function of writing is to express the world.“ Es ist der erste Satz des Gedichtes Albany von Ron Silliman, der in schwarzweißen Großbuchstaben den „Unterbau“ der Ausstellung shot him in the face von Adam Pendleton bildet. In gleicher Weise wie Silliman in seinem Gedicht einen Satz nach den anderen reiht, ohne dabei einer bestimmten kausalen oder temporalen Ordnung zu folgen, verhält es sich mit der Arbeit Pendletons. Auf der Wand hängen Siebdrucke und Collagen, deren Lesbarkeit im Gesamtkontext mehrdeutig wird: Es sind Bilder von Stammeshäuptlingen, Auszüge eines ethnologischen Textes, die Installationsansicht eines Picasso-Gemäldes, Anspielungen auf Black Panther und Malcom X. Indem Pendleton diese unterschiedlichen Bedeutungsträger in die Wand einfügt, sie sich überschneiden und schichten, wirkt er einer direkten Lesbarkeit entgegen und thematisiert in gleicher Weise die Fragen des Displays. Wie auch bei Sillimans Gedicht wird ein Ordnungsprinzip in Frage gestellt, das Bedeutung generieren soll. Die Dekonstruktion der Gegenstände ermöglicht eine neue Lesart der Sozialgeschichte und fordert den Betrachter auf, tradierte kulturelle Referenzen, zu überdenken. Schließlich erfordert der Satz „If the function of writing is to express the world” eine Fortführung. Eine Antwort, was es bedeutet, wenn Geschriebenes nur dazu dient, der Welt Ausdruck zu verleihen, diese aber nicht zu hinterfragen. Es braucht keine monochromen Leinwände von Ian Wilson und Adam Pendleton hinter der besagten Wand, um den Rückbezug zu Wilsons Arbeiten herzustellen und so dem kuratorischen Konzept Rechnung zu tragen. Dieser ist schon präsent, indem shot him in the face in der gleichen Weise wie auch Lippards Flesh einen Betrachter verlangt, der in Dialog tritt. Verfestigt sich dies bei Lippard in Form eines Körpers, ist es bei Pendleton das Weiterführen eines Gedankens und bei Wilson schließlich die reine Kommunikation.

Adam Pendleton, shot him in the face, 2017, installation view, KW Institute for Contemporary Art, 2017. Courtesy: the artist; photograph: Frank Sperling
Adam Pendleton, shot him in the face, 2017, installation view, KW Institute for Contemporary Art, 2017. Courtesy: the artist; photograph: Frank Sperling

Während der Martin-Gropius Bau derzeit mit der Ausstellung „Omer Fast. Reden ist nicht immer die beste Lösung“ einen Titel gewählt hat, der die zwischenmenschliche Kommunikation negiert, suchen die KW förmlich das Gespräch. Nicht nur zwischen den eingeladenen Künstlern, sondern auch mit dem Publikum. Ausgehend von Wilsons künstlerischer Praxis, laden die KW zusätzlich zu einer Serie von Vorträgen und Performances ein, die mit „einem starken Interesse an Dialogformaten“ einhergeht. Grundsätzlich formulieren die Kunst-Werke unter der neuen Leitung Gruijthuijsens das Gespräch mit den BesucherInnen als erklärtes Ziel der Institution.

Mit dem Untertitel Institute for Contemporary Art situieren sich die KW als Ausstellungsort für zeitgenössische Kunst, sodass viele Pressestimmen laut wurden als die Ausstellung des 1940 geborenen Künstlers Ian Wilson angekündigt wurde. Große Fragezeichen, warum einer der Konzeptkünstler der ersten Stunde nun zeitgenössisch sein soll. Ging man nicht zu den Kunst-Werken um neue Positionen zu sehen anstatt allseits bekannte und etablierte? In Juliane Rebentischs Einführung in die Gegenwartskunst schlägt die Autorin vor, die Gegenwart ins Verhältnis zur Vergangenheit zu setzen, um dadurch den historischen Ort der Jetztzeit festzusetzen. Denn viele fragen sich wo die Gegenwart anfängt und wo sie aufhört. Indem Krist Gruijthuijsen die ersten institutionellen Ausstellungen von Hanne Lippard und Adam Pendleton in Deutschland in Zusammenhang zu der Arbeit Wilsons setzt, folgt er Rebentischs Argumentation ausnahmslos. „Alle bedeutende Kunst, alle Kunst im emphatischen Sinne, ist zeitgenössisch. Sie hat Bedeutung für die Gegenwart.“[1] Lassen wir diese Überlegung für einen Augenblick im Raum stehen mit dem Wissen, dass die Definition der Gegenwartskunst Teil einer kunsttheoretischen Debatte ist, die noch andauert und keineswegs abgeschlossen ist, dann bleibt nur eines zu tun: Reden. Schließlich findet man nur Antworten, indem man miteinander kommuniziert. Wollen wir hoffen, dass die Kunst-Werke diesen Dialog nicht nur als Ziel erklären, sondern dieses auch erreichen.

[1] Juliane Rebentisch. Einführung in die Gegenwartskunst, Hamburg 2013

Ian Wilson 20.01. - 14.05.2017
Hanne Lippard 20.01. - 09.04.2017
Adam Pendleton 24.02. - 14.05.2017
Paul Elliman 18.03. - 14.05.2017

opening hours
Mittwoch - Montag 11–19 Uhr
Donnerstag 11–21 Uhr

KW Institute for Contemporary Art
Auguststraße 69
10117 Berlin