PASSE-AVANT
Magie als Potential gesellschaftlicher Transformation
Gentle Heterodoxy. Social Body and its Enchantments
fffriedrich, Frankfurt
22–11–2018
Sarah Księska, *Soulcatcher*, 2018, installation view fffriedrich, Frankfurt. Courtesy: the artist and fffriedrich, Frankfurt; photograph: Eike Walkenhorst
Sarah Księska, Soulcatcher, 2018, installation view, fffriedrich, Frankfurt. Courtesy: the artist; photograph: Elke Walkenhorst

Die Türschwelle bildet den Übergang zwischen einer Außenwelt und einem Innen­raum. Sie fordert die Entscheidung des Hinter-Sich-Lassens und Betretens einer den eigenen Gesetz­mäßigkeiten gehorchenden Raum­situation. In der Ausstellung Gentle Heterodoxy. Social Body and its Enchantment markiert eine im Boden einge­lassene Zeichnung diesen Schwellen­moment. Sie zeigt ein drittes Auge unterhalb eines pulsierenden Kleidungsstücks. Im Kontext der von Sebastjan Brank und Dennis Brzek kuratierten Ausstellung verweist The third eye of the dress (2017) von Alicja Wysocka auf eine Inbesitznahme des Raumes mittels okkulter Wirkkräfte.

Die Ausstellung im fffriedrich vereint zehn künstlerische Positionen und thematisiert das Vermögen magischer Kräfte, verändernd in die Gesellschaft einzugreifen. Bereits in den 1960ern, so Julia Bryan-Wilson in einem Vortrag in Frankfurt am Main, entstand ein zunehmendes Interesse an Magie und unsichtbaren Phänomenen. Das feministische Kollektiv W.I.T.C.H. (Women’s International Terrorist Conspiracy from Hell) versuchte etwa in einer Verbindung aus weiblichem Befreiungsakt, politischer Zielsetzung und magischem Potential in Hexengewändern die Wall Street zu verzaubern. Heute zeichnet sich erneut eine verstärkte Beschäftigung mit Okkultismus und kommt in der gegenwärtigen Kunst zum Ausdruck. Was verrät dies über die Beschaffenheit unserer Zeit? Welche Konstellationen in der Gesellschaft sollen transformiert werden?

Zur Linken der Tür befindet sich im fffriedrich der Text Invocation of Strength. In diesem werden verschiedene Gottheiten angerufen. Darunter ist etwa Kali, die Göttin der Zer­störung und Erneuerung, die in der hinduistischen Mythologie für ihr unge­hemmtes, tödliches Gebaren bekannt ist. Der Text Invocation of Strength stellt einen Auszug aus dem Buch Witchcraft and the Gay Counterculture von Arthur Evans (1978) dar und ist im fffriedrich zudem durch die zeitgenössische Vertonung des Musik-Projekts The Soft Pink Truth (2014) präsent. Magie und Okkultismus, so wird in diesem Zusammenhang deutlich, fungieren insbesondere als Mittel gegen dominant empfundene Konstruktionen von Geschlechter­identitäten. Ihnen werden queere Subjektauffassungen entgegengesetzt, die mit alternativen Gemeinschafts­imaginationen einhergehen. Dies hallt in dem Ausstel­lungsraums fffriedrich nach. Am gegenüberliegenden Ende des Raumes wappnen sich in Mikołaj Sobczaks Malerei The Cursed Soldiers (Forest Ritual) (2017) Figuren ohne eindeutig.

The Soft Pink Truth, Invocation for Strength, 2014 (detail), fffriedrich, Frankfurt. Courtesy: the artists; photograph: Elke Walkenhorst
Joanna Rajkowksa & Alicja Wysocka, The Mound - Solstice, 2017-2018 (detail), fffriedrich, Frankfurt. Courtesy: the artists; photograph: Elke Walkenhorst

Von der Raummitte aus wird stärker das Thema des Rituals aufgegriffen und bis in die Winkel der Ausstellung getragen. Die Künstlerinnen Alicja Wysocka und Joanna Rajkowsk vollzogen mit Bewohnerinnen des polnischen Dorfs Nowogród auf einem mittelalterlichen Hügel die traditionelle „Kupala Night”. Die filmische Aufzeichnung des Rituals ist im fffriedrich zu sehen. Mit einer seltsam heimelig anmutenden Präsentation ist der Film ist ein Setting integriert, das den Gemeinschaft stiftenden Charakter von Ritualen übernimmt. Vor dem Fernseher ist eine niedrige Bank platziert, die ein weißes, Blumen-besticktes Tuch bedeckt. Im Raum gruppieren sich Kleidungsstücke und andere Artefakte, die während des Rituals zur Verwendung kamen. Auch Textilarbeiten aus einem Makramee-Workshop, den Alicja Wysocka vor Ort veranstaltete, hängen an den Wänden. Changierend zwischen Objekt und Textil, Kunst und Artefakt rütteln sie an gängigen Ordnungskategorien. In ihnen falten sich die alternativen Formen von Gemeinschaftsimaginationen ein, die von den Künstlerinnen mittels Workshops und Ritual praktiziert wurden.

Joanna Rajkowska & Alicja Wysocka, The Mound - Solstice, 2017-2018, installation view, fffriedrich, Frankfurt. Courtesy: the artists; photograph: Elke Walkenhorst

Auch das Offenlegen verborgener, gesellschaftlicher Empfindlichkeiten tritt in Gentle Heterodoxy. Social Body and its Enchantment zutage. In Catalina Ouyangs Arbeit offering (countour study) (2018) erinnern vier Tongefässe auf dem Boden an zu Schreien verzogene Gesichter mit überlangen Ohren. Nur eines ist rätselhafterweise mit Reiskörnern gefüllt. Der Charakter des Mystischen, Rituellen mag hier gepaart sein mit einem Widerhallen bestimmter kultureller Regungen. An anderer Stelle räkelt sich in Lisa Gutschers Subbed (2018) ein Ast aus dem Inneren der Wand. Mit gummiartigem Material sind Walnüsse an ihn fixiert. Getrenntes, was längst nicht mehr zusammengehört, wird hier einander zugeordnet.festgelegte Geschlechterrollen zum Kampf. Auf der Fensterbank sitzt Julian-Jakob Kneers biestgleiche Gestalt brutie (2018) in glänzend-schwarzer Silikonhaut und lilafarbenen Schuhen. Triumphierend grinsend ist sie der Basler Karnevalsfigur „Waggis” entlehnt und fungiert als Spielfläche von Fetisch-Vorstellungen und Identitätskonzepten gesellschaftlich marginalisierter Gruppen. Ein dem Karneval nachgesagtes Vermögen, Autoritäten nicht nur zu verhöhnen, sondern auch zu untergraben, wird hier im Besonderen ausgespielt.

Julian-Jakob Kneer, brutie, 2018 (detail), fffriedrich, Frankfurt. Courtesy: the artist; photograph: Elke Walkenhorst
Gentle Heterodoxy. Social Body and its Enchantment, 2019, exhibition view, fffriedrich, Frankfurt. Courtesy: fffriedrich; photograph: Elke Walkenhorst

Die transformierenden Wirkkräfte scheinen omnipräsent im fffriedrich zu schlummern, worauf etwa Andrew Wagners feingliedriges Werk Diana IS the Devil (2018) verweist. In dem Badezimmer des Ausstellungsraumes hängen Ohrringe und leichte, bunte Tücher an einer Kette. Die auf das Mittelalter zurückgehende Frage, ob die Göttin Diana als Anführerin der Hexen gelte und vom „Satan” angestiftet sei, diese zum wilden Aufmarsch und Tanze aufzurufen, scheint hier beantwortet: Diana is the Devil.

Dass die in der Ausstellung beschwörten, okkulten Potentiale nicht nur im ganzen Raum präsent sind, sondern diesen bereits fest im Griff haben, zeigen Olga Cerkasovas Claws (2012–2018). Drei weiße Finger mit lila-glänzenden Nägeln umschließen ein Rohr in der Wand. Ein kleines Türchen eröffnet den Blick auf diese entschiedene Einverleibung des Raumes. An anderer Stelle ragt ein einzelner, weißer Finger mit einem klauenartigen, weißen Fingernagel aus der Wand. Er bricht die Erwartung des „Normalen” und stellt funkelnd die Kontrolle über das Raumgerüst zur Schau.

Olga Cerkasova, Claws, 2012/2018, installation view, fffriedrich, Frankfurt. Courtesy: the artist; photograph: Elke Walkenhorst

Wie in Trance windet sich eine blau-grüne Gestalt auf der Fensterfront und verschleiert den Blick nach außen. Blaue Kreise sind um sie gruppiert, die ihrerseits von formelhaften Zeichen — möglicherweise „spells” — umzingelt werden. Sie erinnern an jene algorithmischen Verfahren, zwischen denen auch wir uns täglich auf transparenten Oberflächen einschreiben. Welche Manipulationsmöglichkeiten solche codierten Umrankungen bergen, wird hier offengelassen — der Kopf in Sarah Księskas Soulcatcher (2018) bleibt unausgefüllt. Beim Verlassen der Ausstellung erweist sich das Wiedereinfinden in einen wohlgeordneten Bereich sogleich als trügerische Illusion. Herabsickernder, schwarzer Schleim bedecken das kleine Fenster und das Treppengelände neben dem fffriedrich. Als anhaftende Geste, in die verbrannte Zigarettenstummel eingedrückt wurden, lässt Julian Jakob Kneers’ slime-conference (2018) im Zusammenhang der Ausstellung bewusst eines offen: Inwiefern die okkulten Gesetzmäßigkeiten nur innerhalb der vier Wände gewirkt haben oder vielmehr längst im Begriff sind, ihre Wege in die Außenwelt zu bahnen.

Gentle Heterodoxy. Social Body and its Enchantment
30. September – 9. Oktober 2018
kuratiert von Sebastjan Brank und Dennis Brzek

artists
Olga Cerkasova, Lisa Gutscher, Julian-Jakob Kneer, Sarah Ksieska, Catalina Ouyang, Joanna Rajkwoska & Alicja Wysocka, Mikołaj Sobczak, The Soft Pink Truth, Andrew Wagner

fffriedrich
Alte Mainzer Straße 4-6
60311 Frankfurt am Main