PASSE-AVANT
Reanimation, Destruktion, Liberation?
Vajiko Chachkhiani
Studiengalerie 1.357, Frankfurt
06–06–2019
Vajiko Chachkhiani, Winter which was not there, 2017, video still. Courtesy: the artist and Danial Marzona, Berlin

Geschichte hinterlässt Spuren. Sie formt Gesellschaften, prägt jeden Menschen individuell, und wirkt sich auf die Humangeographie wie auch auf Wirtschaftssysteme aus. Geschichte ist vermeintlich omnipräsent, doch in alltäglichen Situationen sind ihre Spuren selten sichtbar. Mehr noch: Das, was vorher war und uns zu dem macht, wer wir heute sind, kann völlig in Vergessenheit geraten. Dem entgegen wirkt die sogenannte Erinnerungskultur. Sie macht es sich zur Aufgabe, sowohl die Gegenwart als auch die Zukunft durch Rückbesinnung auf historische Ereignisse mitzugestalten.Aber was gilt als erinnerungswürdig? Und wie spiegelt sich das Gegenteil, das Verdrängen von Geschehnissen im Leben wider?

Fragen wie diese werden im Werk von Vajiko Chachkhiani aufgeworfen, das in der Studiengalerie 1.357 erstmals einem Frankfurter Publikum präsentiert wird. Die dort ausgestellte Videoarbeit Winter which was not there (2017) ist in Chachkhianis Heimatland Georgien angesiedelt und begleitet einen Mann auf einer Autofahrt, die anscheinend auf ein klares Ziel ausgerichtet ist:Eine überlebensgroße Betonstatue – soeben aus dem Wasser geborgen – soll an einen anderen Ort transportiert werden. In ihrem äußeren Erscheinungsbild erinnert sie unausweichlich an kommunistische Standbilder aus der ehemaligen Sowjetunion. Erschreckend ähnlich sieht sie aber vor allem einem: dem Protagonisten. Obwohl dessen Toyota-Truck mit Ladefläche einen sicheren Transport ermöglichen würde, zieht er die Skulptur, festgebunden am Fahrzeug, auf der Straße hinter sich her – was dem Erhalt des Materials keineswegs zu Gute kommt. Die Reise führt durch die karge georgische Provinz, wo das Transportgut auf der gesamten Strecke Spuren hinterlässt. Kuriose Begegnungen mit Kindern und Rindern, die von georgischer Folklore untermalt werden, lassen die langsame Vernichtung der soeben wieder ans Licht gebrachten Figur nahezu zur Begleiterscheinung werden. Angekommen in der Stadt scheint ein kurzer Blickaustausch und eine grüne Ampel befreiend wirken, bevor das Auto ins Ungewisse aufbricht.

Vajiko Chachkhiani, Winter which was not there, 2017, video still. Courtesy: the artist and Danial Marzona, Berlin
Vajiko Chachkhiani, Winter which was not there, 2017, video still. Courtesy: the artist and Danial Marzona, Berlin

Winter which was not there ist wie ein Roadmovie angelegt, der in ruhigen Bildern von einer Unbestimmtheit durchtränkt ist. Der unsichere wie auch hoffnungsvolle Weg Georgiens in eine unabhängige Republik, wie Vajiko Chachkhiani ihn in jungen Jahren miterlebte, kommt dabei atmosphärisch zum Ausdruck. Nach dem Zerfall des Ostblocks im Jahr 1991 konnte er beobachten, wie der Abbau von Standbildern kommunistischer Leitfiguren wie Lenin oder Marx von manchen bejubelt, von anderen bedauert wurde. Mit der ertränkten Statue verweist er auf die radikalen Demontagen von bildhauerischen Werken, die im Kalten Krieg östlich des „Eisernen Vorhangs“ entstanden. In der filmischen Erzählung thematisiert er aber vor allem die Folgen solcher Vernichtungsaktionen. Sollte der damalige Ikonoklasmus die Schaffung eines neuen und freien Georgiens begünstigen, so zeichnet sich die postsowjetische Geschichte Georgiens letztlich durch Höhen und Tiefen aus, in denen Wahlbetrug, Korruption und militärische Auseinandersetzungen neben demokratischen Reformen und wirtschaftlichen Aufschwüngen für Unruhen sorgten. Indem die ertränkte Statue in unversehrtem Zustand zu Tage tritt, wird versinnbildlicht, dass die Gegenwart nicht ohne die damalige Geschichte gelesen werden kann. Dass sie zugleich den Protagonisten abbildet, verdeutlich zusätzlich, wie sich die kollektive Erfahrung im Individuum abzeichnet.

Vajiko Chachkhiani, Winter which was not there, 2017, video still. Courtesy: the artist and Danial Marzona, Berlin

Indem in Winter which was not there der urbane und der ländliche Raum aufeinandertreffen und sich unterschiedliche Generationen begegnen, treten existenzielle Fragen des Miteinanders in den Vordergrund. Was historisch anmutet, wird mit Alltäglichem und Fiktionalem derart subversiv und überraschend verwebt, dass sich die unterschiedlichen Erzählstränge, die dem entweder dem Protagonisten folgen oder als geschichtliche Analogien verstanden werden können, kaum voneinander trennen lassen. Auf poetische Weise changiert die Narration somit unentwegt zwischen den beiden Ebenen. Auch darin kommt zum Ausdruck, wie das Persönliche stets mit dem Gemeinsamen verschränkt ist.

Nun scheint die Zeit reif für eine Befreiung der Historie – sowohl von Seites des Individuums als auch von der Gemeinschaft. Vajiko Chachkhiani verließ seine Heimat und widmet sich nun mit einer räumlichen Distanz dem Vergangenen. Subtil regt er zur Aufarbeitung von Geschichte an, indem er selbst eine mögliche Form von Erinnerungskultur produziert, die er zugleich in Frage stellt, und damit das Publikum zurücklässt – in Ungewissheit.

Vajiko Chachkhiani – Winter which was not there
8. Mai – 6. Juni 2019

Studiengalerie 1.357
Goethe-Universität Frankfurt
Norbert-Wollheim-Platz 1
60323 Frankfurt am Main