VENUS, ENGEL & DIE NACHT
Tell me Dear - Is that the Smell of Fear?
150 Jahre Bayreuther Festspiele
01–08–2026
by Sophie Franziska Schultz

Wenn sich klassische Musik, gespielt von einem vierköpfigen Familien-Ensemble, mit dem Bass von 50 Cents ikonischem Song In da Club mischt, dann kann das Kasperle nicht weit entfernt sein: In Lederhose mit Jagdmessereinsatz, in dem frech eine Blockflöte steckt, roter Adidas Jacke, Goldkette und Kasperlehut springt Hendrik Arns aus dem geöffneten Panoramafenster einer Hummer Stretchlimo, die sich langsam dem Parkhaus Oberfrankenhalle in Bayreuth nähert. Dabei ruft er freudig kreischend, “das Kasperle ist wieder da.” An seiner Seite sind die beiden Tänzerinnen Mia Helena Jacob und Camille Tassadit Chafâa. Das in die Jahre gekommene Publikum begrüßt die drei mit aufblitzenden Handykameras an hochgereckten Armen und laut jubelnd.

Aufnahmen während der Premiere, venus, engel & die nacht. Foto: Eric Waha

Im Rahmen des 150 Jahre Jubiläums der Bayreuther Festspiele, die 1872 erstmals ihre Tore unter Richard Wagner (1813 - 1883) öffneten, wird venus, engel & die nacht an drei Abenden aufgeführt. Wagners Traum eines Gesamtkunstwerks scheint zum Greifen nahe, so auch seine Rezeptionshaltung: die Zuschauer:innen als Koproduzent:innen. Ein Rentner in Gucci Loafern dreht beschämt den Kopf, als die drei Schauspieler:innen, wild mit Plastikschwertern fuchtelnd, eine Parkbank erklimmen, auf der er soeben noch ganz entspannt den harmonischen Klängen des Ensemble Hubert lauschen konnte. Durchkreuzt von der anbrechenden Nacht und einem geisterhaften Chor, wird The Devils Advocat, verfasst von Arns selbst, in Versform vorgetragen: Twelve full moons / did rise and set, / and with them rode / our red-capped threat. Eine einjährige Reise auf der Suche nach Vergebung, die niemals kam. Arns stellt hier einen deutlichen Verweis auf Wagners Tannhäuser und den Zwiespalt zwischen Venusberg und Wartburg her.

Aufnahmen während der Premiere, venus, engel & die nacht. Foto: Eric Waha

Venus, engel & die nacht folgt auf Arns erste Produktion Atmen/Lauschen, die unter der Hochbrücke in Bayreuth 2025 stattfand. Nun, ein Jahr später, wird erneut mit den Wagnerschen Illusionen des Theaters gebrochen—denn das Kasperle sagt keck: "Sie sind doch wohl nicht hier, um einfach nur zu gucken?” und führt die Zuschauer:innen sogleich in die oberen zwei Ebenen des schwach beleuchteten Parkhauses. Vier Teenager, auf Rollerskates und mit Silbertabletts ausgestattet, reichen den noch orientierungslosen Zuschauer:innen DirTea Boost in Dosen—Shirin Davids letzter Lifestyle-Hack. Unter dem Geräusch von knackendem Blech und sprudelnder Erfrischung mischt sich Gigi D’Agostinos La Passion.

Aufnahmen während der Premiere, venus, engel & die nacht. Foto: Eric Waha

Das, was dann kommt, ist ein einziger Rausch, denn alles, was der Kasper will, ist spielen. Und so wird auch mit den ernsten Momenten schnell gebrochen. Hier fragt gerade einer nach Feuer–Zigaretten bräuchte er nicht–da passiert schon ein Wettrennen mit den vier Rollkunstläuferinnen durch das Parkhaus. “Auf wen tippen Sie? Schnell!" wird eine verdutzte Frau hastig adressiert, aber da hat das Kasperle schon gewonnen und versinkt in freudiger Melancholie. Unklar bleibt, ob die Figur des Kaspers, der bekanntlich für das Gute steht, hier doch eine gewisse Bedrohung in sich birgt. In gewagten Bahnen flitzt er auf einem Elektroroller haarscharf an Trauben von Zuschauer:innen hindurch. In der Bewegung birgt sich immer die Möglichkeit, dass aus der letzten Reihe die erste werden kann.

In einer sich fortan drehenden Szenerie zwischen Bühne, Backstage und Bayreuther:innen folgt ein Scheinwerfer dem Geschehen. Auch Wagners Wunsch war es, dass Bühne und Zuschauer:innenraum verschmelzen–etwas, das der Architekt Paul Otto Brückwald beim Bau des Bayreuther Festspielhauses nicht umzusetzen vermochte. Die offene architektonische Struktur des Parkhauses hingegen, mit ihren langen Asphaltbahnen und niedrigen Balkonen, ermöglicht einen weiten Blick, in dem der Mittelpunkt immer das Geschehen selbst zu sein scheint.

Aufnahmen während der Premiere, venus, engel & die nacht. Foto: Eric Waha

Ganz im Sinne der Revue, eine Spielart des Musiktheaters, reihen sich einzelne Sequenzen aneinander, ohne eine stringente Handlung zu verfolgen. So bleibt auch der Auftritt der Venus, besetzt von Camille Tassadit Chafâa, ein weiterer Höhepunkt unter vielen, mit dem alsbald gebrochen wird. Mit blonder Perücke steht sie im Scheinwerferlicht und erinnert an Shirin David während ihres Auftritts auf der Venus Berlin. Als die Perücke abgenommen wird, ähnlich wie der Kasperlehut, den Arns als Kasper immer wieder auf- und absetzt, wird die Maskerade offenbart, wodurch die Figuren sich in mehrdeutigen Rollen bewegen. Dazu kommen kraftvolle Tanzsequenzen von Mia Helena Jacob als Advocatus Diaboli und Verkörperung des vorgetragenen Gedichts, deren Bewegungen selbst der Asphaltboden nicht ausbremsen kann. Der Advocatus Diaboli bringt mögliche Gegenargumente gegen eine Kanonisierung vor: nicht aus persönlicher Überzeugung, sondern um die Entscheidung auf die Probe zu stellen.

Aufnahmen während der Premiere, venus, engel & die nacht. Foto: Eric Waha

Das Stück scheint abrupt zu enden, als Alexander Grassauer mit seiner wunderbaren Bassbaritonstimme „Oh du, mein holder Abendstern“ aus Wagners romantischer Oper Tannhäuser zu singen beginnt. Hinter ihm steht ein großer Lautsprecher, aus dem Orchestermusik ertönt. Ästhetisch erinnert die Szenerie an einen Straßenmusiker, der eher zufällig Teil eines größeren Tableaus geworden ist. Für einen kurzen Moment wähnen die Zuschauer:innen sich in Sicherheit der gewohnten Operngesänge. Das Kasperle drückt ihm eilig einen Blumenstrauß in die Arme und rast auf einem Elektroroller davon, nur um in einem spirituellen Erlösungsakt den sterbenden Advocatus Diaboli über den Asphalt wieder in das Scheinwerferlicht zu ziehen. Für einen kurzen Moment verweilen sie in einer innigen Umarmung. Unvermittelt klingelt laut ein Handy: Katharina Wagner ruft an und wendet den vermeintlichen Tod des Gesamtkunstwerks durch den lang erwarteten Anruf und das daraus resultierende Versprechen einer Fortsetzung nochmal ab. Abzuwarten bleibt, ob der vermeintliche Tod aufgehoben oder nur verschoben wird.

Aufnahmen während der Premiere, venus, engel & die nacht. Foto: Eric Waha

Nach dem Stück kehrt die Bayreuther Nachtruhe schnell ein. Das Parkhaus samt der vereinzelten Autos bleibt friedlich zurück. In der letzten geöffneten Bar, dem Kanapee, versteckt in einer kleinen Gasse, kann am Schnapsglücksrad gedreht werden. Wie die Rota Fortunae, das Rad des Schicksals und der inhärente Kreislauf von Glück und Unglück. Oder zwischen Verführung und Vergebung, Exzess und Enthaltsamkeit.

venus, engel & die nacht

Bayreuther Festspiele

29. Juli, 31. Juli, 1. August 2026, jeweils 21:30 Uhr (im Parkhaus)

Dauer: ca. 60 Minuten

Konzept, Text, regie, Performance: Hendrik Arns

Konzept, Ausstattung: Tamara Stotz

Choreografie, Tanz: Mia Helena Jacob

Tanz: Camille Tassadit Chafâa

Live-Musik: Ensemble Hubert

Rollkunstlauf: Bayreuther Turnerschaft

Gesang: Alexander Grassauer

Remix: Victoria Stellpflug

Festspielleitung: Prof. Katharina Wagner, Heinz-Dieter Sense