PASSE-AVANT
Was aber schön ist
Sagmeister & Walsh
Museum Angewandte Kunst, Frankfurt
18–06–2019
'Sagmeister & Walsh: Beauty', exhibition logo, 2018/2019. Courtesy: the artists

Seit Anfang Mai ist im Frankfurter Museum Angewandte Kunst eine Ausstellung über Schönheit zu sehen. Das New Yorker Designerduo Sagmeister & Walsh präsentiert in einer den ganzen ersten Stock einnehmenden Schau sein Plädoyer für eine neuerliche Hinwendung zur Schönheit in Architektur und Design. Es wird die These aufgestellt, dass der Funktionalismus – für dessen Entstehung ein wenig summarisch das imaginierte Architektentrio Loos, Le Corbusier und Mies van der Rohe verantwortlich gemacht wird – den grundlegenden Fehler begangen hat, zu glauben, Schönheit habe keine Funktion und sei daher wertlos. Der Schönheitsbegriff sei in der Folge aus dem dominierenden Architekturdiskurs verbannt worden. Dass ein schöner Ort oder Gegenstand aber besser funktioniere als ein hässlicher und zudem nachhaltiger sei, weil er anders als der hässliche nicht nach 30 Jahren abgerissen und neugebaut werde, möchten Sagmeister & Walsh in ihrer Ausstellung beweisen.

Eingangs leuchtet den BesucherInnen die Definition von Schönheit aus dem Oxford Dictionary entgegen, die den Ton für die Ausstellung angibt: „Beauty is a combination of shape, form, color, composition, material, and texture to please the aesthetic senses, especially the sight.“ Sicher, Sagmeister & Walsh sind Gestalter*innen, dennoch hätte man erwarten können, dass sie sich nicht mit einer so verkürzenden Definition eines Begriffes zufrieden geben, den die Philosophie schon seit Jahrtausenden beschäftigt. Es leuchtet auch überhaupt nicht ein, warum Schönheit eine Kombination der oben genannten Elemente sein muss, und warum vor Allem das Sehorgan dafür empfänglich ist. Hör-, Geruchs- und Tastsinn werden sogar in der Ausstellung angesprochen – Schönheit umfasst ohne Zweifel unendlich viel mehr.

'Sagmeister & Walsh: Beauty', exhibition view, 2019. Courtesy: Museum Angewandte Kunst, Frankfurt; photograph: Wolfgang Günzel

Wie dem auch sei: In dieser Ausstellung geht es um die visuell wahrgenommene Schönheit in Architektur und Design. Innerhalb dieses Rahmens ist die Schau sehr vielfältig und vor allem interaktiv: Man kann in virtuellen Realitäten Skulpturen bauen, sich an die Staffelei setzen und einen Schaukelstuhl abzeichnen oder in einer Photokabine verschiedene Kleider und Hüte anprobieren. Während hier der individuelle Zugang zum Schönen zum Tragen kommt, insinuieren die in der Ausstellung durchgeführten Umfragen die Existenz einer objektiven Schönheit.

Dass Schönheit letztlich messbar und ein allgemeiner Wert sei, ist das zugrunde liegende Credo der Gestalter*innen. An vielen Orten der Ausstellung kommen Umfragewerte zum Tragen, wie zum Beispiel: Welche sind die zehn schönsten Städte der Welt? Oder: Welche ist die Lieblingsform und welche die Lieblingsfarbe der Menschheit? Auch wenn diese positivistische Haltung in den letzten Jahren großen Auftrieb bekommen hat (wie das hiesige Max-Planck-Institut für empirische Ästhetik hinlänglich belegt), hätte man sich doch eine zumindest ansatzweise Problematisierung dieser Herangehensweise erhofft. Denn wie aussagekräftig sind solche Statistiken wirklich in Anbetracht ihrer immer bestehenden methodischen Schwächen? Lässt sich Schönheit wirklich so einfach quantifizieren? Gibt es einen Mittelwert des Schönen?

Geht man so vor, verkommt Schönheit doch letztlich zu austauschbarer Oberflächenkosmetik. Um etwas wirklich Schönes zu schaffen, dürften Umfragewerte als Grundlage nicht ausreichen – in ihnen lässt sich wohl kaum jene größere Wahrheit finden, an die sich die Seele im Anblick des Schönen erinnert. Aber vielleicht möchte das Designerduo den BesucherInnen genau das sagen: Selbst die austauschbare Oberflächenkosmetik ist gut, sobald sie positive Gefühle in vielen Menschen auslöst. Die politischen Implikationen einer solchen These sind freilich zweifelhaft.

Sagmeister & Walsh – Beauty
11. Mai – 15. September 2019

Museum Angewandte Kunst
Schaumainkai 17
60594 Frankfurt