and I shall speak that sleepwalker’s language that would not be a language if I were awake
Lukas Müller: Good Morning, Have A Nice Day, Kettler Verlag
PA bookshelf
20–10–2022
Artist text by Thea Mantwill Lukas Müller

Déjà-vu: Einen fremden Moment als vertraut, bereits erlebt zu empfinden.

Jamais-vus: Einen vertrauten Menschen, eine vertraute Umgebung als fremd zu erleben. 

Lukas Müller, "Good Morning, Have A Nice Day", Buch, Seite 3.


Ich weiß nicht, ob es ein Wort hierfür gibt: Das Sammeln von Momenten, ohne sie dabei zu zerstören. Die meisten Versuche enden wie die aufgespießten Schmetterlinge im Insektenkasten. So, wie meine Therapeutin einmal meine Bilder bezeichnete, als ich tote Vögel malte, weil die lebendigen zu schnell flogen und mir nicht gehören konnten: Schön, aber tot. Sammeln kann jede:r, aber Sammeln und Bewahren? Wer als Kind seine Ansammlung von Schätzen und Fundstücken vor Publikum auf einem Tisch ausbreitete, erinnert sich sicherlich noch daran, wie sich innerhalb weniger Sekunden alles in Müll verwandelte. Glücklich, wer sich mit Worten versteht und erzählen kann, was diese Gegenstände so wertvoll macht und wie das Licht sich in einem kleinen Stein bricht, wenn gerade in diesem Augenblick kein Licht da ist.

Eine Welt im Glas, eine Ecosphere, eine Muschel, in der die Momente weiter existieren können, ungestört von denjenigen, die ab und an einen Blick hinein werfen: ein Buch.
Lukas beschrieb neue Begegnungen wie einen rennenden Toddler: Irgendwie wackelig, in völliger Begeisterung aufgelöst, alle Körperteile von sich schmeißend, nur eine Erhebung im Boden vom Sturz entfernt (habe neulich einen Toddler mit Helm gesehen, was halten wir davon?). Eine Freundin beschrieb sie wie rohe Eier: Vorsichtig und leise, dünne Schale auf Handinnenfläche, nur eine kleine Absenkung des Untergrunds vom Zerbrechen entfernt.
Sie sehnte sich nach einem erneuten ersten Moment mit der Person, die schon fast fort war – nach der Begegnung, in der man einander behandelt wie rohe Eier, weil sie wusste, dass ihrer beider letzter Moment bevorstand und dass es ein grober sein würde.

Lukas Müller, "Good Morning, Have A Nice Day", Buch, Seite 21.


Wie bekommt man Augenblicke in ein Buch, in eine Form, ohne sie zu zerbrechen oder auszuliefern? Lassen sich die Fundstücke ausbreiten, ohne die eigene Schutzlosigkeit zu exponieren? Da hilft nur die Flucht nach vorne.Stolz und ängstlich. Teilen erfordert Mut und Sensibilität, showing und sharing bilden zwei gegenüberliegende Punkte einer Skala. Intimität ist ein Schutzraum, den zu ertragen gelernt sein will – zumindest so lange, bis endlich das Halsband für Menschen erfunden worden ist, das permanente Behaglichkeit verströmt (für Hunde gibt es das laut Mariana Leky schon, aber es ist sehr schwer zu finden).

Bis dahin folgen wir dem Pfad über schwankenden Boden, gelegentlich über Wasser, durch unbekannte Stadtteile, Hotelzimmer, den Erzählungen und Wegbeschreibungen anderer. Hinter Fremden, denen wir uns nähern, und Bekannten, die Fremde werden, und lernen die Möglichkeit des Fallens zu akzeptieren. So wie Fehler, Makel, Lücken … leere Seiten, Tippfehler, sich widersprechende Folgen und Zahlen. Neurosen, die einer Choreographie gleichen. Macken, die von Einzigartigkeit zeugen, lose Enden und offene Fragen, die wegen ihrer Unvollständigkeit unvergessen bleiben werden. Die Tatsache, dass es erlaubt ist, sich in ein Stück Müll zu verlieben. Die Beiläufigkeit, mit der ein Bonbon auf dem Kopfkissen des Hotelbetts liegt (goodie = Süßigkeit / ein guter Mensch). Mit der ein Übersetzungsfehler uns einen Satz übermittelt, der plötzlich alles logisch erklären kann. Mit der Tiere in unsere Zimmer einziehen und es sich gemütlich machen. Mit der uns ein Streuner hinterher läuft, ein hungriger Rabe, eine zerzauste Katze, ein bissiger Hund. Wir folgen ihnen, sie folgen uns.

Lukas Müller, "Good Morning, Have A Nice Day", Buch, S. 157.


Good Morning, have a nice day ist eine Ecosphere im Bücherschrank, die uns erinnert:
An Momente, Menschen, Orte, als wären es unsere gewesen,
aber auch an Momente, Menschen, Orte, die unsere sind.
Empfindungen und Irritationen, die diesen ähneln,
an Geschichten, in denen wir uns wieder fanden.
Bücher und besondere Fundstücke, die wir lange mit uns herumtrugen.
Abende, an denen wir inmitten von Menschen verloren gingen,
an denen wir jemanden zum ersten Mal trafen,
die ersten Worte wechselten.
Morgen, an denen wir zum ersten Mal an einem uns unbekannten Ort aufwachten,
etwas oder jemanden zum ersten Mal bei Tageslicht sahen.
Es erinnert uns an einen Abend im Spätsommer unter Freund:innen und Unbekannten.
An eine Reunion alter Freundschaften.
An neue Begegnungen.
An ein erstes Gespräch.
An Weißwein aus geliehenen Gläsern.
An Center Shock Cola.
An eine blaue Windjacke.
An Lukas.

Lukas Müller, "Good Morning, Have A Nice Day", Buch, S.17.


Gesprächsfetzen über kostbare Taschenbücher, wilde Hunde und eine neue Farbe zwischen Palermo, Leipzig, Nicht-Berlin und Düsseldorf

03.09.2022
Liebe Thea, danke für deine Gedanken und dass du dir morgens Zeit für das Buch nimmst. Ich stehe hier meistens auch ziemlich früh auf, um nicht zu schnell in die sengende Mittagssonne zu geraten. Die nimmt einen ganz schön auseinander, sodass die Zeit für Produktivität echt gering ist. Hier ist es wirklich schön. Schwarze Schlangen und so kleine Raben. Skorpione, Libellen und viele Mücken, die einem die Beine zerstechen. Gestern wurden wir von einer Straßenköter Gang im Auto verfolgt und der eine hat richtig nach mir geschnappt.

04.10.2022
Good evening, ich hoffe es geht dir gut. Sind die kleinen Raben kleine große Raben oder Baby-Raben? Ich denke schon seit einiger Zeit darüber nach (ab welcher Größe ein Rabe klein ist zum Beispiel), aber ich kann’s ja gar nicht wissen. Ich war so mit den Raben beschäftigt, dass ich das mit den Hunden gerade erst bewusst gelesen habe ... ich hoffe, die wissen jetzt Bescheid und schnappen wenigstens nicht mehr. Und ich hoffe, du hast etwas gegessen, das du noch nie zuvor gegessen hast. Oder eine neue Farbe entdeckt.

Hey! Ich hab was geschrieben.

Als wir gemeinsam den Strand vor Catania entlang liefen, um uns kennenzulernen und uns zu verabschieden, stach eine Frau mit einem gefundenen Stock in eine angespülte Qualle. Sie stach ihr direkt ins Zentrum, in den mittleren Teil. Seltsamerweise dankte ich ihr mit gebrochener Sprache, denn es sah ja so aus, als ob sie wüsste, was sie da tue. Als hätte sie dies schon oft getan. Die Qualle hatte keine Wahl – war sie doch schon fernab der dunklen Tiefe, aus der sie kam, unbeweglich an den Strand gespült. 
Wie kann man einen Stich durch eine durchsichtige Masse verstehen? Quallen, habe ich gerade gelesen, bestehen zu 98 Prozent aus Wasser. Müsste die Qualle nicht auslaufen, wenn man ihre Zellwand durchtrennt?Wollte die Dame ein schnelles erlösendes Ende für die Qualle oder wollte sie den Strand von den Plagegeistern befreien? Bis jetzt frage ich mich, warum ich ihr dankte und noch jetzt frage ich mich, ob eine Qualle ein Wasserherz hat, direkt im Zentrum, im mittleren Teil.

Das ist was ich habe.


Eine Zeichnung von dem Hund.

Es gibt so viel Neues, dass ich nicht klar komme, aber auch eher in mir drinnen.
Wie ist’s bei dir?

05.10.2022
Ich hoffe, das Viel-los-neu-Gefühl ist für dich in der Summe gut. Ich habe gerade das Gefühl, dass ich gerne eine kleine Omi wäre, die um 9 Uhr ins Bett geht und sehr viele Fußbäder macht. Also benehme ich mich wie eine und das klappt ganz gut.


06.10.2022
Schön von dir zu hören und auch schön, deine Stimme wieder zu hören, ich hab die irgendwie vergessen. Ich bin hier gerade in einem kleinen Hotel und mache mich jetzt auf den Weg zu einem Flohmarkt in Palermo, auch um vielleicht wieder eine Spur für unsere Konversation einzufangen. Oder zu sammeln, oder mal gucken, was Begegnungen bringen können … Mit dem Toddler, ja, dieses Wackelige –

Oh, jetzt bleibt es ein ewiges Geheimnis, was du drauf gesprochen hast. Ich habe ewig nach einem Schatztruhen-Emoji gesucht, weil ich mir sicher war, dass es eines gibt, aber das tut es nicht. Morgen fahre ich zu einer Buchlesung – am Sonntagmittag, schöne Zeit. Sonst habe ich Zeit. Ich liebe es, nichts zu tun in Berlin und nur im Hotelzimmer zu lesen, aber vielleicht kennst du einen besonderen Ort in Berlin, an den du gehen würdest, wenn du da wärst?
Nächstes Mal schicke ich auch wieder eine Sprachnachricht, aber ich bin gerade in der Bahn und da mache ich das nicht. Ich finde es total seltsam, dass Leute ihr Leben einfach so öffentlich hinerzählen – in der Tram, in so einen kleinen Computer, der gar nichts antwortet. Wie war es auf dem Flohmarkt?

Voicemail: 59 sec + 27 sec + 56 sec + 49 sec + 55 sec + 55 sec + 48 sec + 40 sec + 52 sec = 441 sec

Marshall Berman, All That Is Solid Melts into Air: The Experience of Modernity, Penguin Books, 1988.


Diese Art von Taschenbuch, character book, meine ich. Ein Taschenbuch ist ja manchmal gleichzeitig trashig und precious, das Gefühl habe ich bei deinem auch :). Manchmal sind die Seiten bei solchen Büchern sogar gegen die Laufrichtung gebunden und viel zu dünn und mit lauter Fehlern. Aber es wäre ein Weltuntergang es zu verlieren, weil man genau dieses Buch einfach nie wieder findet.

08.10.2022
Ich habe gerade meine Insta App gelöscht, aber ich höre die Nachrichten morgen auf der Bahnfahrt ab.


Das ist mein Hotel zur Zeit.

Kein Stress mit dem Abhören, ich war auf einer Ibu-Wolke unterwegs und es ging viel um meine neue Nachbarin Ms Thekla und eine Wanze, glaube ich.

Lukas’ Notizen zu den Ibu-Voicemails:
Reisen mit einer Pflanze in einer Plastiktüte
Hotelzimmer im Hotel Bonera
Karlsruhe?
Der Flohmarkt hatte sc
Berlin besonderer Ort?
Alte National Galerie?

Den ganzen Tag in der Bahn – von Genua nach Leipzig – keine Sprachnachricht möglich … Es wird mit jedem Halt kühler und herbstlicher. Die Farben verändern sich. Die Person, die die Haltestellen ansagt, hat eine zarte Stimme mit österreichischem Akzent. Aus welchem Grund passt diese Stimme so sehr zu den herbstlichen Farben der Bäume, der nebligen Landschaft und der immer kühler werdenden Temperatur?

Taschenbuch
→ Nutzgegenstand: Soll sich abnutzen, kaputt gehen, Eselsohren in sich tragen, Notizen beinhalten. Leere Seiten. In dem Buch soll gesucht und nicht gefunden werden. Fragen scheinen spannender als Antworten und Suchen fördert die Sinne bei mir mehr als Finden. Bei Dir auch?

„So nun, völlig außerhalb von jeder literarischen Absicht und ohne einen Gedanken daran, fühlte ich manchmal meine Aufmerksamkeit plötzlich gefangen von einem Dach, einem Sonnenreflex auf einem Stein, dem Geruch eines Weges, und zwar gewährten sie mir dabei ein spezielles Vergnügen, das wohl daher kam, daß sie aussahen, als hielten sie hinter dem, was ich sah, noch anderes verborgen, das sie mich zu suchen aufforderten und das ich trotz aller Bemühungen nicht zu entdecken vermochte.“
– Marcel Proust: Auf der Suche nach der verlorenen Zeit. Band 1: Unterwegs zu Swann, 1913.

Kleinod - Der Glanz - AURYN
Eine Einleitung 
Bücherschrank 

Schrecklich, die eigene Stimme zu hören. Schrecklich, an die Vergangenheit zu denken, also wie man selbst darin vorkommt. Hoffentlich verblasst sie bald. 
Ich finde Kitsch eigentlich meistens ganz gut, weiß nicht, warum, ich glaube, es liegt an den Erinnerungen an meine Oma.

Fotos, vielleicht von den Würmern oder anderen Begleitern.
Schicke bitte ein Foto von der Spinne.
Ich denke, es wäre schön, über die kleine Pflanze zu schreiben, meine Reisebegleitung.

Mit einer Pflanze reisen
Durchnässte Taschentücher auf der Erde.
Erst Plastiktüte dann Papiertüte.
Plastiktüte soll die Feuchtigkeit speichern und nicht rauslassen.
Papiertüte gibt Stabilität.
In einer Umhängetasche, am besten direkt am eigenen Körper.
Immer wieder nachsehen, ob alles gut ist.
Wie viele Blätter hat sie schon gelassen?
Ist etwas abgeknickt? Wenn ja - trösten.
Worüber sprecht ihr so?
Wenn die Bahn Verspätung hat und man sich aufregt, hat die Pflanze ein offenes Ohr.
Sie stellt sich mit Dir in die Schlange am Schalter und wartet mit dir die ganze Zeit und nervt dann auch nicht so von wegen „ich hole mal kurz Wasser, hab’ Durst“ und kommt dann nur mit Kaugummis zurück. 
Was machen wir, wenn wir Zuhause ankommen? Brauchst du dann erstmal Zeit für dich? 
Tut mir leid, dass der Typ so drängelt. Ist halt sehr voll hier gerade. 


Was macht die Spinne Thekla? Und ich denke es ist eh besser nicht nach Berlin zu fahren, sondern besser in den Park um die Ecke.


11.10.2022
Ms Thekla, minding her business

14.10.2022
In dem Gebäude gegenüber ist ein langes Licht – aber nur in einem einzigen Fenster, obwohl das Gebäude riesig ist.  Deswegen war ich gerade abgelenkt. Dein Daumendrücken hat auf jeden Fall geholfen. Die Sache an sich ist wohl nichts Schlimmes. Die Ärztin hat es mir erklärt, aber immer wenn mir jemand etwas Wichtiges erklärt, vergesse ich zuzuhören. Also im Auge ist ja die Linse. Und außen herum ist die Netzhaut und dahinter ist der Glaskörper – so ein rundes Ding im Augapfel. Und obwohl das Körper heißt, ist es eigentlich eine Flüssigkeit. Und in dieser Flüssigkeit ist eine Entzündung. Das kann anscheinend passieren. Aber die Frage ist; Wie? Weil in eine abgeschlossene Kugel ja nicht so einfach ein Bakterium hineinkommt. Und deswegen bin ich hier im Krankenhaus und schaue auf dieses Gebäude, in dem das letzte Licht jetzt auch ausgegangen ist.