Ich traue meinen Augen nicht
Julian Heuser
FILIALE, Frankfurt
25–03–2021
by Theresa Weise

Die Ausstellung 'Pareidolie' von Julian Heuser in der Filiale Frankfurt ist noch bis zum 27. März 2021 entweder durch das große Schaufenster der Galerie von außen oder durch vorherige Terminankündigung von innen zu sehen. Unsere Redakteurin Theresa Weise spielte mit Julian “Ich sehe was, was du nicht siehst” und sprach mit ihm über nervöse Notizen, Farben und über Malerei, die unsere Sehgewohnheiten neu zusammensetzt. 

Julian Heuser, 'Pareidolie', 2021, exhibition view, FILIALE, Frankfurt. Courtesy: the artist and FILIALE, Frankfurt; photograph: Wolfgang Günzel

Theresa Weise Der Titel deiner Ausstellung verweist auf das gleichnamige Phänomen “Pareidolie”. Der Begriff leitet sich aus den griechischen Wörtern para (daneben, vorbei) und "eídōlon" (Form, Erscheinung, Bild) ab und beschreibt das vermeintlich Erkennen von Gesichtern und Wesen in Mustern oder Dingen. Punkt, Punkt, Komma, Strich, das ist die Formel zur Gesichtserkennung. Dank unserer Wahrnehmung erhalten bloße Striche und Punkte eine Bedeutung. Lass uns mit einem dazu passenden Spiel beginnen. Ich sehe was, was du nicht siehst und das sind: Wolken, Zähne, Insekten, einen Mond (oder eine Sonne?), Pfeile, eine Tastatur, ein Einweckglas – die Liste könnte ich ins unendliche spannen. Was siehst du in deinen Arbeiten?

Julian Heuser Unterschiedlich, meistens fange ich mit Obst an und ende bei Zähnen, natürlich ist auch viel Fantastisches dabei!

TW Deine Arbeiten sind wie eine gemischte Tüte der Malerei. Süßes und Saures sind bei dir Formen und Farben. Gelb, Rosa, Blau, Pink und Orange springen energisch über die Leinwand in verschiedenen Formen und Flächen, lassen sich hier und da auf eine Liaison mit Schwarz und Weiß ein. Das Spektakel hat eine Kritzelei-artige Manier — kritzeln passiert meist nebenbei, ohne, dass man es merkt. Daraus entstehen dann meist für mich nicht wieder zu entziffernde Chiffren. Sind deine Arbeiten nervöse Notizen?

JH Nervös nein, Notizen ja. Malen ist so ne Art “Marathon”. Da läufst du einfach, aber nervös bist du dabei nicht. Bei mir ist das Ganze gerade noch in zwei Etappen geteilt, analog und digital. Als typisches Malerschwein malst du einfach. Das kann man mit Putzen oder Staubsaugen vergleichen, das läuft einfach ab und du denkst dabei über alles Mögliche nach, nur dass du mit dem Malen nie fertig wirst, man hört einfach irgendwann auf.

TW “Ich traue meinen Augen nicht” – ich finde, der Satz beschreibt das Betrachten deiner Arbeiten sehr gut. Du jonglierst mit unseren Sehgewohnheiten, mit unserem analogen und digitalen Auge. Hinter der Oberfläche der Bilder versteckt sich eine Illusion: Das klassische Medium der Malerei löst sich auf und setzt sich neu zusammen aus digitalen und analogen Bildelementen. Ist das deine persönliche Renaissance der Malerei?

JH Das kann ich so nicht sagen. Es ist vor allem eine Hommage an die heutige Zeit. Mir geht es vielmehr um die Übertragung moderner Denk- und Arbeitsstrukturen auf die Malerei als um die Digitalität selbst – jene beinhaltet diese nur zwangsweise. Heute wird verlangt, immer und überall erreichbar zu sein und schnell und effektiv zu arbeiten... gefühlt sind soziale Medien ebenso wichtig für deine Identität wie deine Persönlichkeit. Meine digitalen Bilder sind auf dem Display nicht von analogen zu unterscheiden, es sei denn ich möchte es so. Dies mag sehr unromantisch klingen, aber im Prinzip ist es genau das, was heute passiert und um die Bilder wirklich zu verstehen, muss man sich eben mit ihnen befassen.

Julian Heuser, 2-3 = negativen Spass, 2020, injekt print, paper, coal, ink, acrylic, spray paint, crayon, pencil, oil pastel, chalk on canvas, 190 x 140 cm. Courtesy: the artist and FILIALE; photograph: Wolfgang Günzel

TW Wann fängst du an digitale zu malen und wann hörst du damit auf “echte Farbe” zu nutzen?

JH Schön, dass du “echte Farbe” in Anführungszeichen gesetzt hast, es gibt bei mir nämlich kein echt und unecht. Ich kann dir auf deine Frage allerdings keine plausible Antwort geben. Es ist so, dass man sich oft zwingen muss, die Leinwand zu verlassen da es unglaublich viel Spaß macht zu malen. Allerdings freut man sich genauso oft, der Leinwand den Rücken kehren zu können, da man gerade mit dem Geschmiere nicht weiterkommt und alles nur noch ocker aussieht. Im Nachhinein muss ich mich allerdings ständig fragen, was passiert wäre wenn ich zu einem anderen Zeitpunkt geswitcht hätte, war ich an manchen Stellen vielleicht zu voreilig? Und, und und... Die Möglichkeiten der Maschine sind Fluch und Segen zugleich.

TW Wie beeinflusst dich der Raum? Im Atelier ist die Distanz die du zu deinem Kunstwerk haben kannst begrenzt durch den Raum. Digital kannst du ran- und rauszoomen wie du möchtest.

JH Ungemein! Die Gestik ist eine komplett andere im Digitalen als im Analogen. Ein Strich der komplett über das ganze Bild verteilt ist, ist im Digitalen eine einfache Handbewegung, im Analogen musste bei einem Großformat schon mal den Pinsel nachladen. Für die Komposition ist der digitale Raum ebenfalls hilfreich, da durch das weite Rauszoomen ein viel besserer Überblick auf das Gesamtwerk entsteht, so weit kann ich gar nicht rauslaufen, weil mein Studio zu klein ist. Es hat aber auch den Nachteil, dass viele Details im Digitalen verloren gehen, da man nur Ausschnitte entweder vergrößern oder verkleinern kann, es sei denn du malst auf einer Kinoleinwand.

Julian Heuser, Here Comes the Metric System, 2021, injekt print, acrylic, crayon, chalk, spraypaint on canvas, 100 x 150 cm. Courtesy: the artist and FILIALE, Frankfurt; photograph: Wolfgang Günzel
Julian Heuser, 'Pareidolie', 2021, exhibition view, FILIALE, Frankfurt. Courtesy: the artist and FILIALE, Frankfurt; photograph: Wolfgang Günzel

TW Könnte man sagen, deine Arbeiten sind auf Grund deiner Techniken eine Art Attrappe der klassischen Malerei, die das Medium damit herausfordert und neu zusammensetzt?

JH Herausfordern find ich prinzipiell immer gut und wenn man sich mit einer Sache intensiv beschäftigt passiert dies irgendwann zwangsläufig. Wie oder vielleicht sogar was man dort gemacht hat ist beinahe zweitrangig, am Ende muss es einfach ein gutes Bild entstehen.

TW Deine kleinen Formate würde ich als die "Erwachsenen" unter deinen Arbeiten beschreiben: ruhiger, bedachter und reduzierter. Bei den großen, wahnsinnig wundervoll berauschenden Formaten wird das Auge und unsere Wahrnehmung  herausgefordert, geflutet und stimuliert. Was bedeuten Formate für dich? 

JH Die kleinen sind vor allem die härtesten Paintings! Sie sind neu interpretierte Ausschnitte aus den Großen. Das was mir schwer fällt ist einfach irgendwann aufzuhören oder etwas wegzulassen und durch die Verwendung des Computers konnte ich da etwas tricksen. Groß macht einfach mehr Spaß und klein ist schwerer, weniger auf groß – dort will ich noch hinkommen.

Julian Heuser, David vs. Goliath, 2021, injekt print, acrylic, spray paint, acrylic marker, crayon, pencil on canvas, 190 x 140 cm. Courtesy: the artist and FILIALE, Frankfurt; photograph: Wolfgang Günzel

TW Beschleunigt oder verzögert die Kombination von analogen und digitalen Malen deine künstlerische Praxis, verändert sich hierdurch der Zeittakt der Malerei? Das Warten auf das Trocknen der Farben löst sich ja auf...

JH Eher nicht. Es kommen andere Faktoren hinzu wie beispielsweise das Warten auf einen Termin bei der Druckerei. Wobei ich in der Wartezeit das “fertige” Bild gefühlt noch hundert mal verändere.

Striche die im Analogen super schnell von der Hand gehen sind im digitalen teilweise sehr kompliziert darzustellen und umgekehrt. Ein weiteres Problem ist sich zu entscheiden, wann man von dem einen Medium ins andere wechselt, erschwerend kommt noch hinzu, dass die Arbeit im Digitalen eigentlich nur fiktiv ist und gar nicht physisch existiert. 

Farben gibts noch immer, doch da ich hauptsächlich mit Acryl male geht es eh schnell, da drehste dich um und die Farbe ist trocken.

TW Für mich sind deine Arbeiten eine Hommage an unsere eigene Wahrnehmung, eine Liebeserklärung an ephemere Gesten, an eine synthetische und schnelllebige Malerei. Gleichzeitig befreist du die digitale Malerei aus ihren Pixeln und zeigst uns eine digitale und analoge Aura auf. Ich muss an Walter Benjamin denken und seinen Aufsatz Das Kunstwerk im Zeitalter seiner technischen Reproduzierbarkeit (1935). Er spricht vom Verfall der Aura, der durch die technische Reproduzierbarkeit des Kunstwerkes verloren geht. Auch wenn sich seine These auf die technische Reproduzierbarkeit der Medien Film und Fotografie bezieht, stellt sich mir die Frage: Schaffst du eine neue Aura des Kunstwerkes, die sich aus einer Reproduzierbarkeit von digitalem und und nicht reproduzierbaren analogen künstlerischen Prozessen ergibt (man könnte es eine postmoderne Aura der Malerei nennen)?

JH Wenn du das so möchtest!

Julian Heuser, 'Pareidolie', 2021, exhibition view, FILIALE, Frankfurt. Courtesy: the artist and FILIALE, Frankfurt; photograph: Wolfgang Günzel

TW Es gibt ein Kunstwerk von dir, dass vor allem durch Instagram entstanden ist. Kannst du mir mehr erzählen? Wo wird es zu sehen sein?

JH Richtig, da habe ich die Storyfunktionen von Instagram entfremdet und malerisch genutzt. Ich fand die Idee spannend, etwas so Vergängliches wie eine Instagram Story, welche in den meisten Fällen ohne jegliche wahrhafte Aufmerksamkeit durchgeklickt wird, eine analoge Bühne zu geben. Ich habe eine meiner Zeichnungen in meine Story auf Instagram geladen und diese dann mit den gegebenen Tools innerhalb der App bearbeitet, dazu haben vor allem bewegte GIFs gehört.  Schließlich habe ich einen Screenshot gemacht und je nachdem wie die Gifs in dem Moment zueinander standen, wurde das fertige Bild komponiert, man kann hierbei also durchaus von der Magie des Moments sprechen.  Am Ende habe ich das ganze auf 4 x 2,5 m digital aufgeblasen- und drucken lassen und falls nötig ganz klassisch mit Farbe und Pinsel in meinem Studio darauf reagiert. Die Arbeit wird vom 24. April – 4. Juli im Museum Angewandte Kunst in Frankfurt zu sehen sein.

TW Natürlich ist ein obligatorisches Thema der Lockdown und das Virus. Wie ist die Wechselwirkung von Pandemie und Malerei bei dir? 

JH Durchaus relevant. Zu Beginn der Pandemie gab es aufgrund der Logistik keine Möglichkeiten zu drucken. Ich habe somit mit meinem kleinen Homeoffice Drucker das Bild in Einzelteile gedruckt und diese dann mit Farbe auf die rohe Leinwand transferiert – et voilà schon entstand etwas Neues. Das hat mir so gut gefallen, dass ich diese Technik teilweise immer noch anwende, aber genau das ist für mich Malerei.

Julian Heuser, 'Pareidolie', 2021, exhibition view, FILIALE, Frankfurt. Courtesy: the artist and FILIALE, Frankfurt; photograph: Wolfgang Günzel

Julian Heuser – Pareidolie
9. Februar – 27. März 2021

FILIALE
Stiftstrasse 14
60313 Frankfurt