PASSE-AVANT
Arbeiter verlassen die Gig-Economy
Johannes Büttner
14–04–2020

Unsere Autorin Lina Louisa Krämer spricht anlässlich seiner aktuellen Ausstellung bei Tale of a Tub in Rotterdam mit dem Künstler Johannes Büttner über neue Formen des Arbeitens, das Verschwimmen von Fiktion und Wirklichkeit und utopische Gesellschaften.

Johannes Büttner, The Factory, 2020, installation view, Tale of a Tub, Rotterdam, 2020. Courtesy: the artist; photograph: Fabian Landewee

Lina Louisa Krämer Ausstellungen im physischen Raum können derzeit in weiten Teilen Europas nicht gesehen werden. Dass es kein Publikum gibt, stellt Kulturinstitutionen vor große Herausforderungen. Umso wichtiger scheint mir derzeit das Sprechen über Kunst, über Werke und die Prozesse, die sich darin verbergen und erst durch den Austausch sichtbar werden. Bei A Tale of a Tube in Rotterdam wäre aktuell deine Soloshow ‘Wenn ich nicht hier bin, bin ich auf'm Sonnendeck’ zu sehen. Wie kam es zu dieser Ausstellung?

Johannes Büttner Ich wurde für die C.o.C.A. Art Commission 2019, einer privaten Initiative, die junge Kunst in den Niederlanden fördert, von der Kuratorin Suzanne Wallinga vorgeschlagen und habe mich zuallererst mit dem Ort auseinandergesetzt. A Tale of a Tub ist ein altes Badehaus inmitten einer ehemaligen Arbeitersiedlung nahe des Rotterdamer Hafenbeckens. Ich recherchierte in diesem Zusammenhang viel über die Definition der Arbeiterklasse bzw. dem Arbeiterbewusstsein und in welcher Form es das gegenwärtig noch gibt. Wenn man an Arbeiterklasse denkt, hat man sofort ein historisches Bild von Leuten vor Augen, die in eine Fabrik gehen oder im Hafen arbeiten, aber die Bedingungen haben sich stark gewandelt. Was passiert wenn Maschinen, Technisierung, Digitalisierung und Automatisierung, um sich greifen und klassische Arbeiten übernehmen – wer zählt dann noch zur Arbeiterklasse? Schließlich bin ich auf den virtuellen Marktplatz Fiverr gestoßen, bei dem man digitale Dienstleistungen anbieten und erwerben kann. Der Name der Plattform geht auf die Grundidee zurück, dass man für fünf Dollar einen Gig – so werden die Jobs, die dort angeboten werden genannt – kaufen kann. Inzwischen können die Nutzer*innen jedoch selbst bestimmen, für welches Honorar sie ihre Dienstleistungen anbieten, aber das sind immer noch ziemliche Dumpingpreise. Die Plattform selbst bekommt 20% von jedem Gig. Durch diese neue Preisregelung unterbieten sich Leute, um an Gigs zu kommen.

LLK Das klingt für mich nach moderner Ausbeute und nach der Überschwemmung von Märkten, was die Preise zusätzlich nach unten drückt. Wer bietet dort seine*ihre Arbeit zu diesen Konditionen an?

JB Die Anbieter*innen kommen von überall her und stellen ihre digitale Arbeitskraft zur Verfügung. Über die Plattform bin ich mit Kreativen aus der ganzen Welt in Kontakt gekommen und habe sie gefragt, ob sie mit mir gemeinsam eine Science Fiction Geschichte entwickeln wollen. Mich hat interessiert, wie die Personen zu ihrer Arbeit stehen. Das ist eine Frage, die ich mir auch immer wieder selbst stelle. Wie stehe ich zu meiner Arbeit, was bedeutet Kunst machen? Wie unterscheidet sich das zu klassischem Handwerk und was bedeutet jegliche Art von Produktivität in dieser neoliberalen kapitalistischen Gesellschaft? Was bedeutet Kunst produzieren und Kunst verkaufen und das ökonomische Denken darüber?

Johannes Büttner, The Factory (detail), 2020, installation view, Tale of a Tub, Rotterdam, 2020. Courtesy: the artist; photograph: Fabian Landewee
Johannes Büttner, The Factory (detail), 2020, installation view, Tale of a Tub, Rotterdam, 2020. Courtesy: the artist; photograph: Fabian Landewee

LLK Du hast sie also nicht bloß als Arbeiter*innen interviewt, sondern hast ihnen Gigs abgekauft, die sie auf Fiverr anbieten. Kannst du ein bisschen mehr dazu sagen?

JB Ich habe meinen Protagonist*innen so viel bezahlt, wie ich selbst für Arbeit an einem low budget Projekt nehmen würde, d.h. zwischen 350$ und 500$ für 2 bis 3 Tage Arbeit. Das ist für mich vielleicht eher wenig, in anderen Ländern aber recht viel. Es fühlt sich komisch an, die historisch gewachsene Ungleichheit einerseits zu thematisieren und andererseits auch zu nutzen, um so eine Arbeit produzieren zu können. Natürlich gäbe es die Möglichkeit Deals außerhalb von Fiverr abzuschließen, aber Kund*innen und vor allem Anbieter*innen können ihren Account verlieren, was desaströs für Anbieter*innen ist.

LLK Wie genau sah der Prozess aus, gab es ein grobes Setting, das du vorgegeben hast? Habt ihr euch lose Ideen hin und her geschickt?

JB Es hat sich eine Gruppe von sechs Personen herauskristallisiert, die in China, Indonesien, Nigeria, Tunesien, Indien und Südafrika leben, mit denen ich die anfängliche Kommunikation weitergeführt habe. Gemeinsam haben wir die grobe Story entworfen. Das Zukunftsszenario ist in 2021 angesiedelt, also in einer scheinbar greifbar nahen Zukunft und die Arbeiter*innen, die auf der Plattform ihre Arbeitskraft anbieten, haben sich zusammengeschlossen. Wenn man sich die Gig-Economy anschaut, ist ja eine der großen Frage, wie sich der*die Arbeiter*innen dort organisieren, weil es gerade noch wenig Strukturen, wie etwa Gewerkschaften gibt, und diese meist ja nur auf einer nationalen Ebene Druck aufbauen können. In einer Fabrik, kannte man diejenigen, die neben einem gearbeitet haben, hatte ähnliche Probleme und man schloß sich zusammen, um gemeinsam für bessere Arbeitsbedingungen, mehr Gehalt, mehr Urlaubstage etc. zu kämpfen. In der Gig-Economy arbeitet man hingegen auf der ganzen Welt verstreut als einzelne Freelancer*in.

Johannes Büttner, The Factory (detail), 2020, installation view, Tale of a Tub, Rotterdam, 2020. Courtesy: the artist; photograph: Fabian Landewee

LLK Was glaubst du, was diese neue Form des Arbeitens für Folgen hat?

JB Ich glaube es erschwert ein Bewusstwerden darüber, dass man sich zusammenschließen muss, um Druck ausüben zu können, etwa gegen Dumpinglöhne. Vor allem, weil potenzielle Verbündete ja auch gleichzeitig Mitbewerber*innen sind und in diesem sehr kompetitiven Bereich Leute einfach gegeneinander ausgespielt werden. In dem fiktionalen Szenario gab es eine globalisierte Vernetzung von Gig Arbeiter*innen über Chatgruppen und Social-Media-Kanäle. Die aufständigen Arbeiter*innen werden auf ein US-Patent aufmerksam, dass tatsächlich existiert. Das Patent beschreibt wie man mit Bildschirmen, mit Monitoren und Fernsehern, das Bewusstsein von Menschen beeinflussen kann. Verantwortlich dafür sind elektromagnetische Frequenzen. Darum ranken sich natürlich viele Verschwörungstheorien, die z.B. davon ausgehen, dass uns Regierungen über diese Bildschirme letztlich lenken und wir alle von einer Geheimgesellschaft kontrolliert werden.

LLK Wie passt dieser Gedanke der völligen Kontrolle über den Menschen zum Aufbegehren und der Gründung einer Gewerkschaft – könnte dieser Impuls dann nicht schon im Keim, also durch die geheime Steuerung, erstickt werden?

JB Ich finde das Patent als Tool für die Geschichte interessant: Wenn wir davon ausgehen, dass man mit Technik Menschen kontrolliert, kann es dann nicht auch sein, dass man mit eben dieser Technik eine emanzipatorische Agenda verfolgt und dadurch der Menschheit hilft, einen Schritt in Richtung einer Utopie zu gehen? Die Welt, in der wir leben, birgt ja von den Rahmenbedingungen recht viel Potenzial. Durch eine globale Gesellschaftsform die auf Profitmaximierung und Wettbewerb aufgebaut ist, können diese Potenziale aber nur von einem kleinen Teil ausgenutzt werden. Technischer und medizinischer Fortschritt kommt ja immer zuerst einer globalen Elite zugute; bzw. werden gerade medizinische Produkte nur dann produziert und freigegeben, wenn sich daraus Mehrwert schöpfen lässt – it’s all about Gewinnmaximierung. Man müsste also vermutlich das Bewusstsein der Menschen hacken, das durch Kapitalismus und Egoismus geprägt ist, damit endlich alle in einer friedlichen sozialistischen Gesellschaft leben können. Mir gefällt das Konzept “Acid Communism” von Mark Fisher. Diese Idee von Kommunismus bezieht sich nicht auf einen bisher real existierenden Kommunismus, sondern versucht sich unter psychedelischen Vorzeichen einer Utopie zu nähern. Wenn man es erreichen würde, das Bewusstsein des Menschen zu erweitern, wäre es möglich in einer Utopie zu leben. Die Arbeiter*innen benutzen das Patent messianisch, um die Menschheit zu befreien und die Utopie zu verwirklichen. Die Schnittstelle zwischen ihnen und der Welt sind Screens und Monitore – die perfekte Angriffsfläche. Sie nutzen die durch Screens erschlossene Welt, um darüber Signale in die Welt zu senden, die im Gehirn von Menschen die Ausschüttung des psychoaktiven Botenstoffs DMT um ein vielfaches steigert. Von einem auf dem nächsten Augenblick verwirklicht sich eine utopische Gesellschaft.

Johannes Büttner, The Factory, 2020, installation view, Tale of a Tub, Rotterdam, 2020. Courtesy: the artist; photograph: Fabian Landewee
Johannes Büttner, The Factory, 2020, installation view, Tale of a Tub, Rotterdam, 2020. Courtesy: the artist; photograph: Fabian Landewee

LLK An welchem Punkt treffen sich Fiktion und Wirklichkeit und wie baut sich darum die Erzählung auf?

JB Das Video beginnt damit, dass die Arbeiter*innen aus der Zukunft über die Vergangenheit sprechen. Sie beschrieben wie sie bis vor einem Jahr in The Factory gearbeitet haben – ein fiktionales Pendant zu Fiverr. Sie erklären die Abläufe ihrer Arbeit, von der Kundenakquise über die Kommunikation mit Kund*innen und auch ihr Verhältnis zur Plattform. Bemerkenswert ist, dass alle ein affirmatives Verhältnis zu ihrer Arbeit haben. Die Position, die sie gegenüber den Kund*innen und der Plattform einnehmen, empfinden allerdings alle als ungleich und fühlen sich wehrlos. The Factory nimmt automatisch 20% Kommission für jeden Job, der darüber abgewickelt wird und die Anbieter haben gegenüber den Käufer*innen so gut wie keine Rechte. Dieser Teil des Videos basiert auf den individuellen Erfahrungen der Protagonist*innen. Sukzessive beginnt dann der fiktionalere Teil der Geschichte: Die Protagonist*innen beschreiben, wie sie sich zusammengeschlossen und organisiert haben, von der Revolution und wie die Welt in der sie jetzt leben aussieht. Dieser Teil ist von den Protagonist*innen selbst entworfen. Bebildert werden die Schilderungen mit Material, das sie hierfür halb dokumentarisch selbst inszeniert haben, und dass Ihre Lebensrealität sowie Vorstellungen einer Utopie wieder spiegelt.

LLK Hat nicht jede*r von uns eine ganz individuelle Vorstellung von einer utopischen Gesellschaft im Kopf, die sich nur schwer vereinen lassen zu einer Erzählung?

JB Die Protagonist*innen beschreiben die Utopie aus ihrer individuellen Sicht. Schnell wird deutlich, wie sehr ihre Vorstellung von Zukunft, Fortschritt und Utopie durch das Sein im Kapitalismus geprägt sind. Arbeit und Produktivität spielen in jeder Schilderung der Utopie eine essenzielle Rolle: “Everyone wants to create” ist so ein prägnanter Satz aus dem Video, bei dem mir immer kurz schlecht wird, weil ich mich ertappt fühle. Diese Vorstellungen sind bestimmt durch unsere Gegenwart, die ein bestimmtes Wertesystem vertritt. Man muss etwas schaffen und, am besten Entrepreneur*in oder Produzent*in sein, Zeug rausbringen, lauter kleine Ich-AGs. Ein Versprechen auf Befreiung durch Technologisierung oder den Wunsch unsterblich zu sein, findet sich auch oft wieder. Es sind diese typischen Silicon Valley-Narrative, die global reproduziert werden. Ich musste dabei wieder an Mark Fisher denken, der schreibt, dass man sich eher den Weltuntergang, als das Ende des Kapitalismus vorstellen kann.

Johannes Büttner, Untitled (Free Energy), 2018 installation view, Tale of a Tub, Rotterdam, 2020. Courtesy: the artist; photograph: Fabian Landewee

LLK In den Kellerräumen der Ausstellung driftet die Utopie meinem ersten Eindruck nach in eine düster dystopische Stimmung ab. Mir erschienen die Räume fast wie Gegenentwürfe zu den utopischen Aussichten einer freien Gesellschaft, ist diese Lesart so von dir intendiert?

JB Innerhalb der Ausstellung wirkt diese Setzung erst einmal recht zugespitzt und plakativ. Oben ist alles weiß und hell durch die Monitore, das glänzende Aluminium. In dem Video selbst wird ein utopischer Ort beschrieben, der aber durchaus ambivalent ist und man fragt sich, ob die Protagonist*innen brainwashed oder durchgedreht sind oder womöglich einer Sekte angehören. Man bekommt das Gefühl, das ganze müsste einen versteckten Haken haben. Man kann sich einfach nicht vorstellen, dass hier ein utopisches Narrativ erzählt ist. Das sind wir nicht gewöhnt, mit dem Blick heraus aus dieser Dystopie, in der wir leben. Man fühlt sich vielleicht auch wie in einer Verkaufssituation, wie in einem Internetfraud, den man nicht gänzlich durchschaut. Alles scheint perfekt und befreit und das ewige Leben winkt, unter diesem Slogan könnte man auch teure Seminare, Yoga Retreats oder Selbsthilfebücher verkaufen. Dieser utopische Geschichte vertraut man nicht und schnell beschleicht einen das Gefühl, dass einem gleich das Geld aus der Tasche gezogen werden soll. Unten ist das Setting erst einmal dunkler und die Arbeiten dort haben eine gewisse Härte, etwas Kühles. Aber meine Intention ist es nicht eine Dystopie darzustellen. Ganz im Gegenteil, ich empfinde diese Undurchsichtigkeit, dieses chaotische und unvorhersehbare Moment als Befreiung und damit als etwas Erstrebenswertes.

LLK Was meinst du mit Befreiung? Befreiung im Sinne eines revolutionären Aktes?

JB Der Presslufthammer (Untitled (survivalist) in Kollaboration mit Bastian Hagedorn, 2017), der auf die Metallplatte schlägt, ist im ersten Moment respekteinflößend und verstörend laut, im zweiten Moment aber einfach schön. Man kann darin eine Referenz auf Gabber oder harten Techno sehen. Beeindruckend und furchteinflößend sind dann vielleicht Dinge, die man bewusst sucht und die man geil findet, die eine Schönheit in sich tragen. Ich finde es wichtig, dass es solche Momente der Ambivalenz gibt, in denen eben nicht alles klar ist, sondern die ein Risiko in sich bergen. Das Gleiche gilt für die Cops (The possibility of another life expresses itself directly in a cop car on fire and obliquely in the faces of my friends, 2019), die umgedreht dastehen. Auch diese Skulpturen sind auf den ersten Blick düster und dystopisch, aber das angsteinflößende und die Gewalttätigkeit und die Bedrohung die von ihnen potentiell ausgeht, wird ihnen doch durch das Umkippen und auf den Kopf stellen, genommen. Wie ein Polizeiauto, das umgedreht wurde, das ist immer noch angsteinflößend, aber es kann nicht mehr agieren. Daraus ergibt sich ein kurzer Moment des Chaos, der Anarchie, wovon ich denke, das er geil ist und gleichzeitig gefährlich. Man weiß nicht genau, in welche Richtung es weitergeht, aber es bricht für einen kurzen Moment mit der bestehenden Ordnung. Deshalb würde ich sagen, das dieser Eindruck von oben utopisch und unten dystopisch, sich bei genauer Betrachtung ins Gegenteil kehrt. Unten ist viel mehr Potential, in diesem dunklen lauten Kellerloch. Oben ist alles nur shiny, glänzende Oberfläche und man bekommt erzählt, wie nice alles ist.

Johannes Büttner, The possibility of another life of another life expresses itself directly in a cop car on fire and obliquely in the faces of my friends, 2019, installation view, Tale of a Tub, Rotterdam, 2020. Courtesy: the artist; photograph: Fabian Landewee
Johannes Büttner, The possibility of another life of another life expresses itself directly in a cop car on fire and obliquely in the faces of my friends, 2019, installation view, Tale of a Tub, Rotterdam, 2020. Courtesy: the artist; photograph: Fabian Landewee

LLK Wie passt der Titel in das Setting, ist das Sonnendeck ein Synonym für eine utopische freie Gesellschaft, in der alle tun und lassen können, was sie wollen?

JB Der Titel der Ausstellung stammt von einem Liedes von Peter Licht. Ich finde das aus unterschiedlichen Gründen bescheuert und gut zugleich. Der Titel setzt dystopischen Narrativen der Ausstellung einen Kontrast entgegen, das Sonnendeck steht für mich im Gegensatz zur Arbeit und Kapitalismus. Und dann ist der Titel schon retro und referiert auf einen Zeit (Beginn der 2000er), in der Musik und Kultur noch hedonistischer waren. Das ist ja auch irgendwie so ein verpillter MDMA House Track und im Gegensatz zu dem Gefühl erscheint mir heute alles funktionaler. In den Clubs wird heute düstere, harte, und sehr funktionale Musik gespielt. Leute feiern am liebsten so, dass man vom Club direkt wieder zur Arbeit gehen könnte. Der Titel scheint aus der Zeit gefallen zu sein, das fand ich gut daran.

LLK Ich finde den auch gut, aber auch speziell für eine Ausstellung, zumal er sich ja auch nur schwer in andere Sprachen übersetzen lässt.

JB Ja, und zeitgleich ist der Titel auch irgendwie peinlich und immer wenn ich ihn lese ist er mir ein bisschen unangenehm. Der ist so uncool, das mag ich gerne.

LLK Spannend ist ja auch, dass viele in Deutschland zumindest den Song, aber nicht den Interpreten kennen. Ich dachte, dabei würde es sich um ein One Hit Wonder handeln. Als ich Peter Licht gegoogelt habe, fand ich heraus, dass ihr ähnliche Ansichten teilt, den Kapitalismus z.B. als Idee ablehnt und mir Peter Licht durch seine Kolumne “Lob der Realität” als Autor sehr präsent ist.

JB Suzanne Wallinga, die Kuratorin der Ausstellung, und ich haben im Vorfeld gemeinsam überlegt, wie die Ausstellung heißen könnte. The Factory ist ja die neue Arbeit, im Keller zeige ich ältere Arbeiten und alle gemeinsam sollten sich im Titel wiederfinden, dem vielleicht einen Kontrast entgegensetzen. Letztes Jahr im November hat mich Suzanne in meinem Atelier in Berlin besucht, es war kalt, mein Atelier gewohnt chaotisch, vollgestopft und dreckig. Auch deshalb passt der Titel für mich zum Entstehungsprozess der Ausstellung, der gar nicht “Sonnendeck mäßig” war und zu der (körperlichen) Arbeit, die darin von mir steckt.

Johannes Büttner, Untitled (Free Energy), 2018 installation view, Tale of a Tub, Rotterdam, 2020. Courtesy: the artist; photograph: Fabian Landewee

LLK Von der Gegenwart in die Zukunft, welche Projekte stehen bei dir als nächstes an?

JB Im Sommer drehe ich gemeinsam mit Steffen Köhn einen Film. 2015 haben ich in der basis e.V. eine Performance gemacht, bei der ich aus Neal Stephenson Buch Snow Crash (1992) von vorgelesen habe. Hierin wird die Geschichte eines Pizzalieferanten erzählt, der in einer hyper-kapitalistischen dystopischen Welt lebt. Alles ist privatisiert: sowohl Straßen als auch das komplette Gesundheitssystem. Der Pizzalieferdienst gibt das Versprechen, dass jede Pizza innerhalb einer halben Stunde geliefert wird, andernfalls wird der Lieferant oder die Lieferantin exekutiert. Es fängt mit einer recht wilden Verfolgungsjagd an, weil der “Deliverator” innerhalb von fünf Minuten eine Pizza ausliefern muss. Währenddessen kamen Lieferanten von Deliveroo und Foodora in den Raum, in dem die Performance stattfand, und haben Phad Thai geliefert. Steffen und ich finden es spannende, wie diese Cyber-Punk-Geschichten der 90er Jahre plötzlich Realität geworden sind. Angefangen vom Internet und dessen Nutzung, bis zu politischen Themen wie der Privatisierung unseres Gesundheitssystem und öffentlichen Gütern bis hin zu Lieferservices und Gig-Economy wie Deliveroo, Foodora und Amazon Flex. Diese Geschichten greifen die Welt, in der wir leben, voraus. Amazon will Snow Crash jetzt als Serie verfilmen, was zynisch wirkt, weil Amazon diese prekären Bedingungen im Liefersektor selbst geschaffen hat.

LLK Du bist auch für die Biennale in Drenthe in den Niederlanden eingeladen. Was wirst du dort zeigen?

JB Das diesjährige Motto ist ‘Into Nature’ und findet komplett im Außenraum statt. Dort werde ich eine Erweiterung meiner Arbeit Free Energy zeigen, die gerade auch in Rotterdam zu sehen ist. Hier bin ich mit Bastler*innen der freien Energie-Szene in Kontakt getreten, die Batterien und andere Devices zur Energieerzeugung entwickeln. Eine verbindende Grundidee ist, dass es bisher nicht genügend erforschte oder auch gänzlich unentdeckte Energiequellen gibt, die man nutzen könnte, um Strom effizienter und vor allem DIY, selbst herstellen könnte. Es gibt unterschiedliche Theorien und Modelle, die verwendet werden: unter anderem Motoren, die durch Magnetmechanismen mehr Energie produzieren sollen, als die, die man einspeist. Das würde wie ein Perpetuum Mobile funktionieren, was unter physikalischen Gesichtspunkten nicht möglich ist. Es werden auch Batterien aus Kristallen gebaut. Das verbindet oft wissenschaftliche Theorien mit esoterischen Elementen von Wellen und Strömungen oder aus dem Kosmos abgezapfte Energien. Nikola Tesla ist da so eine Figur, die bewundert wird, aber teilweisen auch Wilhelm Reich mit dem Orgonakkumulator. Die Leute aus dieser Szene bauen Maschinen gemeinsam und forschen in ihren Hobbykellern. Das alchemistisch wirkenden Forschen, die Such nach dem Stein der Weisen, um eine Erfindung zu entwickeln, die die Menschheit befreit fasziniert mich. Womit wir wieder bei der Utopie wären: Ich mag den Gedanken, dass man sich nicht mit dem Gegebenen zufrieden gibt. Mit diesen Apparaturen habe ich Skulpturen gebaut, die von solchen Energiequellen angetrieben werden, deren Augen leuchten, deren Motoren sich bewegen. Das werde ich in Drenthe weiterführen, mit Energiequellen aus dem Boden oder Bäumen arbeiten.

Johannes Büttner, The Factory, 2020, installation view, Tale of a Tub, Rotterdam. Courtesy: the artist; photograph: Fabian Landewee


Johannes Büttner – Wenn ich nicht hier bin, bin auf'm Sonnendeck
6. Februar – 5. April 2020

A Tale of a Tub
Justus van Effenstraat 44
3027 TK Rotterdam
Niederlande

Johannes Büttner (geb. 1985 in Frankfurt am Main) arbeitet als Bildhauer in Berlin und Amsterdam. Er setzt sich mit der allgemeinen Prekarität unserer Zeit auseinander: sei es durch Überlegungen zu Energie, Urbanität, New-Agismus, Esoterik oder globalen und politischen Krisen. Fragen der Autorschaft und des Verhältnisses von Arbeit, Handwerk und Konzeptkunst in einer kollaborativen Arbeitspraxis stehen im Zentrum seiner Installationen und Performances. Zuletzt nahm er u.a. an der 16. Biennale Istanbul (2019) und an Ausstellungen im Palais de Tokyo in Paris (2018), im La Panacée in Montpellier (2018) und in der Basis in Frankfurt am Main (2017) teil. Im Jahr 2020 gewann er den Preis der C.o.C.a-Commission. Im Jahr 2018 hatte er Einzelausstellungen im Kunstraum C28 die von Lina Louisa Krämer kuratiert wurde und in der Simultanhalle in Köln. Er zeigte Performances im Stedelijk Museum (2017), im Kunstzentrum De Appel (2017) und beim Art Weekend (2017) in Amsterdam. Von 2015 – 2017 hatte Büttner ein Atelierstipendium bei De Ateliers in Amsterdam.