PASSE-AVANT
Eine Geranie ist eine Pelargonie, ist eine Geranie
Uriel Orlow
Kunsthalle Mainz
16–01–2020
Uriel Orlow, Geraniums Are Never Red, 2016, installation view, Kunsthalle Mainz, 2019. Courtesy: the artist; photograph: Norbert Miguletz, VG Bild-Kunst, Bonn 2019

Die Geranie zählt zu den beliebtesten Balkonpflanzen in Deutschland. In der Schweiz gilt sie als Nationalsymbol und ist besonders im alpinen Raum nahezu überall anzutreffen. 1930 komponierte Willy Rosen den Schlager Wenn die Geranien blühen für den Film Die zärtlichen Verwandten. In einer Textzeile des Refrains heißt es „Ich brauch kein Florida, kein Nizza, kein Spanien, wenn die Geranien blühen auf meinem Balkon“. Die Ferne ist demnach kein Grund zur Sehnsucht, wenn Zufriedenheit in den eigenen vier Wänden herrscht.

In der Ausstellung 'Conversing with Leaves‘ des Schweizer Künstlers Uriel Orlow in der Kunsthalle Mainz, stößt man im ersten Ausstellungsraum auf einen gefüllten Postkartenständer (Geraniums Are Never Red, 2016), der den Geranien in gleicherweise Ehre gebührt wie die Beispiele oben. Die Postkarten zeigen die leuchtend rote Blüte in diversen Zusammenhängen: die Bandbreite reicht hierbei von kleinstädtischen Ansichten (Straßenrand- und Balkonbepflanzung) hin zu hybrid-rankenden Gewächsen an einer Palme. Urlaubsgrüße aus der ganzen Welt – mit der Geranie als Sehenswürdigkeit schlechthin. Geraniums Are Never Red, der Titel von Orlows Skulptur, verweist auf eine gängige Verwechslung bei der Zuordnung der Pflanze: das, was im Volksmund als Geranie bezeichnet wird (nämlich die rote Blüte), müsste richtigerweise Pelargonie heißen. Damit aber noch nicht genug von festgefahrenem Alltagswissen, denn auch die verfestigte Annahme, Geranien wären in Europa beheimatet, entspricht nicht historischen Fakten, fand die Pflanze doch erst im 17. Jahrhundert ihren Weg von Südafrika nach Europa.

Anders als Titel der Ausstellung suggeriert, will Orlow mehr als nur mit Pflanzen flüstern. In 'Conversing with Leaves‘ werden Pflanzen zu den Protagonisten der Geschichte erklärt und vergessene Narrative von ihnen sichtbar gemacht, um so die Gegenwart neu zu interpretieren. Als ein sich chronologisch und thematisch aufbauender Rundgang konzipiert, werden die Besucher*innen durch die verschiedenen Ebenen der Kunsthalle geleitet. Beginnend mit der Kolonialisierung, über die Anti-Apartheit-Bewegung bis hin zur gegenwärtigen Kritik an kolonialen Wirtschaftsstrukturen bleiben Fauna und Flora stetige Begleiter. Ausgangspunkt für Orlows Arbeiten ist eine umfassenden Recherche zu geschichtlichen Ereignissen, in denen Pflanzen in einem historischen und gegenwärtigen Bezug zur Kolonialisierung des afrikanischen Kontinents stehen.

Uriel Orlow, Echoes, 2016–2018, installation view, Kunsthalle Mainz, 2019. Courtesy: the artist; photograph: Norbert Miguletz, VG Bild-Kunst, Bonn 2019
Uriel Orlow, Soil Affinities, 2018–2019, 11 wooden boxes, 5 videos, colour, sound, archive pigment prints, earth, various materials, site-specific measurements. Courtesy: the artist; photograph: Norbert Miguletz, VG Bild-Kunst, Bonn 2019

In Echoes (2016–2018) hängen Lautsprecher wie schwarze abstrakte Tropfen im Raum, aus denen ein Chor von Sprecher*innen in unterschiedlichen afrikanischen Sprachen (u.a. Khoi, SePedi und SeTswana) Pflanzen bei ihren volkskundlichen Namen benennen, während Overheadprojektoren ihr Abbild an die Wände werfen (What Plants Were Called Before They Had A Name, 2016). Verblasste Blüten, Blätter und Gräser, die von getrockneten Negativformen und Abdrücken aus Herbarien stammen, füllen die Wände und sind eine poetische Rückkopplung zu denen in die Unsichtbarkeit gedrängten ursprünglichen Pflanzenbezeichnungen, die sich akustisch im Raum verteilen. Im Zusammenspiel dieser beiden Arbeiten wird deutlich wie Orlow versucht, durch die Kolonalisierung in Vergessenheit geratenes, indigenes Wissen wieder hör- und sichtbar zu machen.

Ein Stockwerk tiefer verhandeln die Filme Muthi (2016–2018), The Crown Against Mafavuke (2016) und Imbizo Ka Mafavuke (2017) den Umgang, die Verwendung und den Schutz von Heilpflanzen gegenüber westlichen Pharmaunternehmen. Muthi beschäftigt sich mit der titelgebenden Zusammensetzung von Pflanzen, die von Heiler*innen angewendet wird und erzählt davon wie die traditionsreiche Naturmedizin Südafrikas nach und nach durch chemische Medizin abgelöst wurde. Alle drei filmischen Arbeiten Orlows stellen Fragen nach verdrängtem, indigenem Wissen und dessen gegenwärtiger kommerzieller Nutzbarmachung: wer profitiert von Rohstoffen? In welcher Form finden die verarbeitenden Rohstoffe ihren Weg zurück in die Herkunftsländer und vor allem zu welchem Preis?

Uriel Orlow, Learning from Plants (Artemisia Afra), 2019, two HD videos, colour, sound, 4 paintings, acrylic on cardboard. Courtesy: the artist; photograph: Norbert Miguletz, VG Bild-Kunst, Bonn 2019

Die multimediale Installation Soil Affinities (2018–2019) verhandelt nicht zuletzt den gegenwärtigen Export von Rohstoffen und Grundnahrungsmitteln nach Europa. Der Ausstellungsraum erweckt den Eindruck eines Laboratoriums in Transportkisten. Ward-Kisten, die entwickelt wurden, um Pflanzen während der Kolonialzeit weltweit zu verschicken, bilden das Display für Filme, Fotografien und Erde aus Frankreich und dem Senegal. Ausgangspunkt der Arbeit ist die Geschichte des Pariser Vorortes Aubervilliers, in dem aufgrund der Industrialisierung, Kleingärten weichen mussten. Zugleich wurden Nutzpflanzen von Frankreich nach Westafrika verschifft und auf Plantagen in den Kolonialgebieten, für die dortige wachsende französische Bevölkerung, angebaut. Beleuchten die zuvor genannten Filme die kommerzielle Interessen beim Export von afrikanischen Rohstoffen, verhandelt Soil Affinities die Standort- und Produktionsverhältnisse für den europäischen Absatzmarkt. Der Kolonialist wird Opfer seiner eigenen Machtbestrebung.

Anstatt einer Konversation mit Pflanzen scheint es als ob Uriel Orlow in der Ausstellung vielmehr durch sie spricht. Er macht uns auf koloniale Zusammenhänge aufmerksam, die bis in die Gegenwart reichen und wirft Licht auf die dunkeln Wissenslücken der Vergangenheit, um unsere Wahrnehmung zu sensibilisieren und unseren Blick auf die Zukunft zu schärfen. Denn wenn die Geranien blühen, sind sie niemals rot.

Uriel Orlow: Wishing Trees, 2018, film still. Courtesy: the artist, VG Bild-Kunst, Bonn 2019

Uriel Orlow – Conversing with Leaves
29. November 2019 – 23. Februar 2020

Kunsthalle Mainz
Am Zollhafen 3–5
55118 Mainz