Eine Anleitung zur Dekolonisierung von Institutionen
Mahret Ifeoma Kupka
02–03–2021
by Damla Arican
2020 kuratierte Mahret Ifeoma Kupka am Museum Angwandte Kunst die Ausstellung 'Life doesn’t frighten me – Michelle Elie wears Comme des Garçons‘. Anlässlich der Ausstellung sprach unsere Autorin Damla Arican mit ihr über die Wissenslücken über Rassismus und Kolonialismus in einer weißen Mehrheitsgesellschaft, aber auch über Fürsorge und Selbstliebe als Aktivismus und warum gerade Institutionen in Deutschland eine Menge Arbeit aufzuholen haben.
'Life doesn’t frighten me – Michelle Elie wears Comme des Garçons', 2020, exhibition view, Museum Angewandte Kunst, Frankfurt. Courtesy: Museum Angewandte Kunst, Frankfurt; photograph: Wolfgang Günzel
Damla Arican Wie kam es zu der Zusammenarbeit mit Michelle Elie?
Mahret Ifeoma Kupka Das geschah auf Initiative der Vorsitzenden der Stiftung des Museum Angewandte Kunst, Dr. Paula Macedo Weiß. Sie kannte Michelle Elie und wusste von ihrer umfangreichen Comme des Garçons Sammlung. Ihr Vorschlag, eine Ausstellung zu machen, landete auf meinem Schreibtisch und mir war schnell klar, dass eine Ausstellung auf mehreren Ebenen spannend wäre. Da ist das japanische Label Comme des Garçons mit dem streng konzeptuellen, dekonstruktivistischen Desingansatz der Gründerin Rei Kawakubo. Dann ist da Michelle Elie als spannende kreative Persönlichkeit und Sammlerin, die das Streetstyle Phänomen rund um die großen Fashion Weeks und soziale Medien wie Instagram perfekt für sich als Darstellungsplattform zu nutzen weiß. Nicht zuletzt werden beide Themen von einer hochaktuellen politischen Ebene umklammert: Rei Kawakubo, die sich selbst nie als Feministin bezeichnet hat aber stets die Rolle der Frau in der Gesellschaft kritisch reflektierte und Schönheitsideale infrage stellte. Michelle Elie, die sicher keine Aktivistin ist aber sehr wohl um ihre stets zwischen Unsichtbarkeit und Hypervisibilität changierende Position als Schwarze Frau in einer weißen Mehrheitsgesellschaft weiß und damit für sich einen sehr inspirierenden, progressiven Umgang gefunden hat. Das alles trifft mein Interessenfeld Mode, Körper und Performatives genau. Ich habe Michelle dann ziemlich schnell im Frühsommer 2019 in Köln getroffen, wir haben uns gut verstanden und gingen quasi direkt an die Arbeit.
DA Es wird immer wieder deutlich, dass BIPoC in Institutionen kaum sichtbar sind. Weder in verantwortlichen Positionen noch als Künstler*innen. Wie steht es aus deiner Perspektive um die Sichtbarkeit und Repräsentation von BIPoc in kulturellen Betrieben in Deutschland?
MK In Deutschland haben wir das sehr konkrete Problem, dass keine Zahlen erhoben werden, auf deren Grundlage argumentiert werden könnte. Wir wissen nicht genau, wie viele Schwarze Personen wo vertreten sind, weil Menschen nicht nach „race“-Kategorien statistisch erfasst werden. Das hat historische Gründe, die auch sehr nachvollziehbar sind. Das hat aber auch den Nachteil, dass meist auf der Grundlage von Empfindungen diskutiert und nicht mit Zahlen argumentiert wird. Die Initiative Afrozensus möchte das beispielsweise ändern. Sie zählt auf der Basis von Freiwilligkeit und Anonymität Schwarze, in Deutschland lebende Menschen. Aktuell wird mit Schätzungen gearbeitet, wenn es darum geht, wie viele Künstler*innen ausgestellt und welche Themen verhandelt werden. Weiße Personen, die in den Institutionen sind, empfinden das zumeist anders, weil sie aus ihrem eigenen Erfahrungskontext heraus operieren. Häufig wird argumentiert, dass nicht so viele Schwarze Menschen Museen besuchen würden, weil es nicht so viele gibt oder weil es sie nicht interessiert und es wenig Schwarze Künstler*innen gebe, die man zeigen könnte. Doch auch diese Argumente sind nicht statistisch zu belegen. Kurz: Nur mit konkreten Zahlen können wir auch angemessen diskutieren und entsprechende Konsequenzen folgen lassen.
Portrait von Michelle Elie in Paris, 2018. Courtesy and photograph: Acielle, styledumonde.com
DA In einem Twitter-Post letzten Sommer hast du thematisierst, dass der politische Kontext von Michelle Elies Ausstellung nicht besprochen wird. Warum, glaubst du, werden diese Themen immer noch nicht angesprochen?
MK Ich glaube in diesem Fall hatte das mehrere Gründe. Ganz grundsätzlich hat Mode in Deutschland nicht den Stellenwert, als dass sie als irgendwie politisch relevant oder theoretisch tiefgreifend wahrgenommen werden würde. Kurz: Eine Modeausstellung wird dann zumeist im Stil-Ressort verortet und nicht im (politischen) Feuilleton. Da braucht es etwas Nachdruck, um Autor*innen zu motivieren, über den Tellerrand zu schauen. Hinzu kommt, dass Rassismus auch nicht unbedingt ein breit diskutiertes Thema ist und in der Tiefe eher in Nischen stattfindet. Ein Design-Forscher, der dann später auch über die Ausstellung schrieb, gestand mir im Gespräch, Mode zuvor nie ernst genommen zu haben, auch war ihm der breite Kontext der Ausstellung kaum bewusst. Es ist ein großartiger Text geworden. Bei ‚Life doesn’t frighten me‘ ging es nicht allein um die Mode von Comme des Garçons, sondern auch um die Art und Weise, wie Schwarze Körper bis heute im Museumsraum präsentiert sind und welchen Schwierigkeiten Schwarze Personen bis heute begegnen, wenn sie sich Raum in der Gesellschaft nehmen. Ich glaube, dass viele den politischen Überbau der Ausstellung nicht unmittelbar sahen, weil vielen die Vielschichtigkeit des Themas schlichtweg nicht bewusst ist, weil dazu Wissen fehlt, was allgemein nicht vermittelt wird. Deutsche Kolonialgeschichte ist beispielsweise nicht Teil allgemeiner Lehrpläne. Das ist gefährlich, denn Ignoranz gepaart mit Unwissen kreiert Ausschlüsse, die unbewusst bleiben und Diskriminierungsformen reproduzieren.
DA Warum glaubst du, dass in diesem Kontext so wenig aufgearbeitet und aufgeklärt wird?
MK Ich glaube es ist wichtig, realistisch zu bleiben. Die meisten Menschen wollen ein gutes Leben haben, gute Menschen sein, keinen Stress haben, niemanden hassen und nicht gehasst werden. Die meisten richten sich irgendwie in ihrem Leben ein und wollen natürlich nicht hören, dass das alles eine Illusion ist, dass der Genuss eigener Privilegien, die oft nicht mal als solche wahrgenommen werden, auf Kosten anderer Menschen geht. Gleichberechtigung kann sich für viele Menschen wie ein Verlust anfühlen. Wenn man anfangen würde, gerechter zu verteilen, würde vielen Leuten im ersten Schritt etwas weggenommen. Das ist ein Problem. Das müssten wir uns unbedingt genauer ansehen. Ich denke es kann helfen, Fragen anders zu stellen und Anreize zu schaffen, damit Menschen verstehen, dass eine inklusive Gesellschaft, in der alle gleichwertig und gleichberechtigt miteinander verschieden sein können für alle der bessere Ort ist. Dann wird das Geben zu einer Investition in eine gute Zukunft und ist weniger Verlust.
Shown as part of 'Mapping the Collection': Pirkle Jones, Kathleen Cleaver and the Black Panthers (“Free Huey” rally, Bobby Hutton Memorial Park, Oakland, CA, Sept. 22, 1968, from: Black Panther), 1968–69, donation from the Pirkle Jones Foundation © Regents of the University of California; reproduction: Rheinisches Bildarchiv Köln, Cologne
DA Wenn wir heute auf viele Museumssammlungen blicken, ist auffällig, dass diese häufig vor allem weiß sind und in Deutschland die Sammlungen auch auf dem Nationalsozialismus basieren bzw. mit Geld aus der Zeit erworben wurden oder auch aus Zeiten der Kolonialherrschaft stammen. Welche Transformationsmöglichkeiten siehst du in kulturellen Institutionen, ihre rassistische Vergangenheit – bzw. Gegenwart – aufzuarbeiten?
MK Ich finde es wichtig, dass Museen Leerstellen und Lücken in ihren Sammlungen füllen. Es sollte fortlaufend Forschung in diesem Feld betrieben werden. Als Beispiel fällt mir spontan die Ausstellung 'Mapping the Collection‘ am Museum Ludwig in Köln ein. Janice Mitchell war dort für zwei Jahre über ein Stipendium als Research-Kuratorin beschäftigt. Zu ihren Aufgaben gehörte es, die Bestände an US-amerikanischer Kunst bis 1980 im Museum Ludwig einer gründlichen Untersuchung zu unterziehen und Lücken im Bereich der Postcolonial, Gender und Queer Studies herauszuarbeiten. Das führte letztlich sogar zur einigen Ankäufen, durch die das Museum wichtige Leerstellen in der eigenen Sammlung schließen konnte.
DA Als es mit den Black Lives Matter-Demonstrationen hier in Deutschland los ging, haben viele Institutionen erst gar nicht, und dann die meisten mit dem „Black Square“ auf Instagram darauf reagiert. Ich persönlich fand das unzureichend. Es ist ein sich-immer-wieder aus der Situation herauslavieren. Es ist höchste Zeit, strukturellen und institutionellen Rassismus zu besprechen und ihn sichtbar zu machen, zu hinterfragen. Gerne zeigt Deutschland in die USA und woanders hin, aber dass Institutionen ihre inneren Strukturen hinterfragen, bleibt immer noch aus. Ich hätte mir gewünscht, dass Museen offenlegen wie viele BIPoC sie in Ihren Institutionen beschäftigen und wie die Repräsentationen in ihren Sammlungen aussieht. Warum ist es immer noch so, dass gerne woanders hinzeigt und keine Selbsthinterfragung stattfindet?
MK Ich habe mich in einem Artikel für den Freitag, in dem es um den hier weit verbreiteten, sehr merkwürdigen Reflex geht, beim Thema Rassismus zu allererst auf die USA zu verweisen statt zu schauen, was vor der eigenen Haustüre los ist, auf den britischen Soziologen Gary Younge bezogen. Er besagt, dass diese Auslagerung des Rassismus System hat. Er vermutet den Ursprung dafür in der europäischen Linken, der er eine gewisse Form der Instrumentalisierung vorwirft. Durch die diskursive Auslagerung des Rassismus in die USA erscheint Europa im Gegensatz friedfertig und inklusiv. Die Solidarität mit den Opfern auf der anderen Seite des Atlantiks spricht weiße Europäer*innen von jedem Tatverdacht frei. Die tatsächliche Verantwortung, die aus der kolonialen Vergangenheit und der rassistischen Gegenwart Europas erwächst, tritt allerdings in den Hintergrund.
DA Habt ihr am Museum Angewandte Kunst denn auch über das „Black Square“ gesprochen? Mir ist aufgefallen, dass ihr es jedenfalls nicht geposted habt.
MK Ja, wir hatten auch im Museum darüber gesprochen und uns entschieden es nicht zu posten und stattdessen geschaut, was wir zu dem Zeitpunkt für Möglichkeiten hatten, konkret einen Änderungsprozess anzustoßen. Wir waren mitten im ersten Corona-Lockdown, das Rahmenprogramm der aktuellen Ausstellung fiel aus und so kam die Idee, zu den Angewandte Talks auf Instagram, die ich mit hauptsächlich Schwarzen Frauen führte. Ich habe in diesem Rahmen u.a. mit Dr. Yvette Mutumba gesprochen, die Kuratorin am Weltkulturen Museum in Frankfurt war und dann nach Berlin gegangen ist. Sie ist heute Co-Chefredakteurin von Contemporary&, hat die 10. Berlin Biennale co-kuratiert und ist jetzt kuratorische Beraterin am Stedelijk Museum in Amsterdam. Sie hat in unserem Gespräch erzählt, dass als sie ihre Doktorarbeit über Schwarze Künstler*innen in der DDR schreiben wollte und niemand bereit war, die Arbeit zu betreuen. Viele meinten, dass sei kein Thema für Deutschland und dazu gebe es kein Material. Erst in London wurde sie mit ihrem Forschungsthema ernstgenommen. Im Ausland ist im akademischen Kontext über Schwarze deutsche Geschichte viel mehr bekannt als in Deutschland. In den USA gibt es Black German Studies als offizielles Forschungsfeld, in Deutschland nicht. In Deutschland herrscht viel Unwissenheit gepaart mit einem Nicht-wissen-wollen. Das ist ziemlich absurd!
Mahret Ifeoma Kupka (oben) in Konversation mit Yvette Mutumba (unten), Angewandte Talks, screenshot. Courtesy: Museum Angewandte Kunst, Frankfurt
DA Sowohl in der Mode – wie man am Beispiel der Ausstellung von Michelle Elie sehen kann – als auch in der kritischen Theorie und in der aktuellen Debatte zum Thema Polizeigewalt und Rassismus in Deutschland und weltweit wird sichtbar, dass vor allem Schwarze Frauen und Frauen of Colour, trans Frauen und Queere Personen den Großteil der Aufklärungsarbeit hinsichtlich Themen wie Dekolonisierung und anti-rassistischer Arbeit machen. Du engagierst dich auch in der Initiative Schwarzer Menschen in Deutschland (ISD). Sprecht ihr dort über diese Zusammenhänge?
MK Ja, wobei die ISD zu diesen Debatten auch nur einen Teil beitragen kann. Schwarze Communities in Deutschland sind sehr divers und haben eine sehr eigene Geschichte, die natürlich Parallelen zu den Geschichten anderer Länder aufweist, aber eben auch deutliche Unterschiede, die leider noch viel zu wenig gesehen und vor allem kaum erforscht werden. Hier braucht es dringend eine akademische Verankerung, beispielsweise in Form von Black Studies, damit die spezifische deutsche Geschichte des Rassismus aufgearbeitet werden kann. Hinzu kommt die Tatsache, dass Rassismus in Deutschland nicht als Problem der Gesellschaft aufgefasst wird. Es dominiert noch immer die Sichtweise, dass Rassismus etwas ist, was ein paar böse Täter ein paar unschuldigen Opfern antun, während der Großteil der Gesellschaft nichts damit zu tun hat. Dabei sind die schrecklichen Ereignisse die platzenden Seifenblasen an der Oberfläche, darunter verbirgt sich ein tiefer, eng verflochtener, toxischer Sumpf, der alles durchdringt. Rassismus strukturiert diese Gesellschaft und das seit Jahrhunderten, es bestimmt das Verhältnis des globalen Nordens mit dem Süden mit länderspezifischen Besonderheiten. Insofern lautet die Frage weniger ob es Rassismus gibt, sondern warum es ihn gibt und was die Gesellschaften bis heute veranlasst, daran festzuhalten.
DA In der Dokumentation Audre Lorde – Die Berliner Jahre 1984–1992 (2012) von Dagmar Schultz wird auch ein extremer Optimismus in diesem Kontext gezeigt, der mich an das Konzept der Radical Self-Love erinnert, welches auch bei Michelle Elie sichtbar wird. Inwiefern spielt Selbstliebe und -bewusstsein in der Ausstellung eine Rolle?
MK Die Themen Fürsorge, Selbstliebe, Heilung und auch Vergnügen werden in Zukunft eine viel größere Rolle spielen. Nicht in einem neoliberalen Selbstoptimierungs-Sinne, sondern stets verknüpft mit der Frage, wer bin ich, was kann und will ich leisten und was braucht es, damit es mir gut geht in der vollen Bandbreite meiner Empfindungen und wie geht das auch in Beziehung mit anderen Menschen. Das setzt einen fürsorglichen Umgang mit sich selbst voraus. Empathie der eigenen Geschichte und Erfahrungen gegenüber, die dann auch die Empathie gegenüber anderen Menschen und deren Erlebnissen stärken kann. Audre Lorde erkannte in einem solchen Ansatz hohes politisches und auch gesellschaftstransformierendes Potential. Es macht wenig Sinn immer bis zur kompletten Selbstaufgabe an der vordersten Front jeder Demo zu stehen. Dazu braucht es gesunde, satte, ausgeruhte Körper und einen frischen Geist. Dazu braucht es aber auch ein gutes Gefühl für die eigenen Grenzen und Fähigkeiten. Manchmal ist die größte Hilfe die Aktivistin, die an einem sicheren Ort mit den Kindern spielt, während die Eltern auf die Demo gehen, der Aktivist, der zu Hause mit einer riesen Portion Soul Food wartet. Andere schreiben besser und wirbeln die weißen Feuilletons durcheinander oder diskutieren in Talk Shows über Rassismus. Andere haben Instagram Kanäle, die so vor Lebensfreude und positiver Raumnahme sprühen, dass sie an trüben Tagen für Mut und gute Laune sorgen. Aktivismus für eine andere Welt hat so viele Formen und ganz oft sehen Aktivist*innen sich selbst gar nicht als solche.
'Life doesn’t frighten me – Michelle Elie wears Comme des Garçons', 2020, exhibition view, Museum Angewandte Kunst, Frankfurt. Courtesy: Museum Angewandte Kunst, Frankfurt; photograph: Wolfgang Günzel
'Life doesn’t frighten me – Michelle Elie wears Comme des Garçons', 2020, exhibition view, Museum Angewandte Kunst, Frankfurt. Courtesy: Museum Angewandte Kunst, Frankfurt; photograph: Wolfgang Günzel
DA Das Museum ist historisch gesehen ein Ort, an dem ein überwiegend weißes Publikum adressiert wurde. Inwiefern beeinflusst das deine kuratorische Arbeit und die Rolle, die der Vermittlungsarbeit zu Teil wird?
MK Ich habe den Anspruch an mich selbst, ein Publikum, das so breit wie möglich ist, zu adressieren. Ich genoss eine klassische Ausbildung, daher weiß ich genau, was es braucht, um ein bildungsbürgerlich weißes Publikum zu erreichen. Allerdings habe ich mich mit diesem Programm selbst nicht umfänglich erreicht und habe mit den Jahren begonnen auch meine eigene Perspektive und dieser ähnliche Perspektiven einzubinden und Lösungen zu finden für Punkte, an denen unterschiedliche Blickwinkel miteinander in Konflikt geraten könnten. Ich lerne selbst unentwegt neue Perspektiven auf die Welt kennen und versuche diese bestmöglich zu berücksichtigen. Als Kuratorin halte ich es für unbedingt notwendig, so früh wie möglich eng mit der Vermittlung und deren Netzwerken zu kooperieren, denn nur so können wichtige Impulse gleich in die kuratorische Arbeit einfließen.
DA 'Life doesn’t frighten me‘, der Titel der Ausstellung, ist ein sehr empowernder Satz. Andererseits ist aktuell sehr viel beängstigend…
MK Der Titel stand früh fest und ist geliehen von Maya Angelous gleichnamigem Gedicht von 1978. Dann kam Corona, dann passierte der Mord an George Floyd und wir sorgten uns, dass der Titel unpassend erscheinen könnte, denn tatsächlich passierten gerade dann sehr viele sehr furchteinflößende Dinge. Dabei geht es ja nicht darum, überhaupt keine Angst mehr zu haben, es geht eher darum, den Dingen, die uns ängstigen, selbstbewusst und stark entgegenzutreten und sich nicht einschüchtern zu lassen. Aus dem Titel spricht tiefer Respekt dem Leben gegenüber und nicht naive Sorglosigkeit.
Portrait von Michelle Elie in Paris, 2015. Courtesy and photograph: Phil Oh
Mahret Ifeoma Kupka ist Kuratorin und Autorin. Ihre Arbeit beschäftigt sich mit der Repräsentation und Dekolonisierung von Mode, Kunst und kulturellen Institutionen sowie mit Fragen der Restitution. Sie ist Kuratorin für Mode, Körper und Performatives am Museum Angewandte Kunst in Frankfurt am Main. Zuletzt kuratierte sie dort die Ausstellung 'Life doesn’t frighten me – Michelle Elie wears Comme des Garçons‘, die vom 3. April 2020 bis 3. Januar 2021 zu sehen war.