Angesichts dessen
VIS-À-VIS von Živa Drvarič und Daniel Stubenvoll
New Now, Frankfurt am Main
27–01–2024
by Clara Maria Blasius

Živa Drvarič und Daniel Stubenvoll, vis-à-vis, 2023. Exhibition view, NEW NOW, Frankfurt am Main. Photography: Daniel Stubenvoll 


Nebeneinander- und gegenüberstehend, vergleichend, aber nicht gleichstellend, verknüpfend, aber nicht festschreibend. Der intensive Dialog zwischen Živa Drvarič und Daniel Stubenvoll wird von den Werken fortgeführt – und im Ausstellungsraum darüber hinaus geöffnet. „vis-à-vis“ präsentiert jeweils eine Werkreihe der Künstler*innen. Insgesamt acht Arbeiten hängen in regelmäßigen Abständen an der Wand. Alternierend installiert scheinen die beiden Serien einander zugleich zu unterstützen und zu unterbrechen, Platz zu lassen und in Anspruch zu nehmen. Auf inhaltlicher und materieller Ebene wird dadurch ergründet, worin die Voraussetzungen eines Verhältnisses oder Gesprächs bestehen, und nicht zuletzt das Format der Duo-Ausstellung an sich untersucht.


Aufgrund ihrer Größe fallen beim Betreten des Frankfurter Projektraums New Now zunächst die Werke von Daniel Stubenvoll ins Auge. Als Untergrund und Rahmen dienen den vier Arbeiten aus dem Jahr 2021 massive Holzplatten. Grobes Kunststoffgewebe wurde mit farbigem Acryllack bestrichen und auf den Platten befestigt. Die aus dem zügigen Klebevorgang entstehenden Unebenheiten führen zu einer ungleichmäßig gewellten Oberfläche, welche die Webstruktur als eine Art Perforierung erscheinen lässt. Stellenweise wurden abgetrennte Magazinseiten unter dem Mesh auf die Platten geklebt, weshalb vereinzelt auch andere Farben durchschimmern. Linien, die mit Leim vorgezeichnet oder nachgefahren wurden, bedecken und zerschneiden die Gewebeschicht. Die vielen geschlungenen und wenigen geraden Striche werden so in die lackierte Ebene hineingedrückt und zugleich aus ihr hervorgehoben. Manche Linien bilden in sich geschlossene Formen, einige laufen auf dem Hintergrund aus, andere beginnen oder enden am Bildrand – und verweisen damit auf das nicht Sichtbare, nicht Dargestellte, nicht Gerahmte.

Daniel Stubenvoll, Round Table Discussion, 2021. Photography: Daniel Stubenvoll


In der Bildmitte ist jeweils eine Abbildung eines einzelnen Stuhls zu sehen. Stubenvoll, der oft mit Fotografien arbeitet, hat hier found images gewählt, die wie Produktbilder anmuten. Eine Ausnahme bildet ein Werk, in dessen Mitte sich anstelle einer fotografischen Ablichtung eine farbige, skizzenhafte Umrisszeichnung eines nicht näher zu definierenden Stuhls befindet. Die Abbildungen sind, einer klassischen Präsentationsform im Feld der Fotografie entsprechend, auf Alu-Dibond Platten montiert, die durch ihre Materialstärke leicht aus dem Hintergrund herausragen. Sich an die Projektionsebene der Wand anlehnend, könnten die flachen Quader auch als Fenster gelesen werden. Wie Wandöffnungen, die immer auch verbindendes und gemeinschaftsstiftendes Element darstellen, bieten sie Einblicke in den prozessualen Charakter der Werkproduktion.

Daniel Stubenvoll, Round Table Discussion (1/8), 2021. Photography: Jens Gerber


Ein Stuhl ist ein vertrauter Gegenstand, ein Gebrauchsobjekt, welches das Bild eines sitzenden Menschen evoziert. Je nach Referenzrahmen der jeweiligen Betrachter*innen mag ein spezifischer Stuhl erkannt werden. Vielleicht handelt es sich um ein bekanntes Design oder ist einem solchen nachempfunden, vielleicht erinnert das Modell an eines im persönlichen Umfeld oder wird gedanklich mit einer bestimmten Person verknüpft. In Stubenvolls Arbeiten materialisiert sich der Stuhl jedoch nur als Reproduktion, die insofern zwar auf die Existenz des tatsächlichen Objektes, aber dabei immer auch auf dessen physische Abwesenheit verweist. Absent sind auch potenzielle Nutzer*innen: Die Stühle werden leer und kontextlos dargestellt. Mit der sie umgebenden Fläche deuten sie Isolierung und zwischenmenschliche Distanz an. 


Währenddessen verweist der Titel der insgesamt achtteiligen Serie auf eine Gruppe von Menschen, eine Form des Beisammenseins. Round Table Discussion steht so der visuellen Abbildung des vereinzelten Stuhls entgegen. Ein Runder Tisch versinnbildlicht ein nicht-hierarchisches Miteinander und die Möglichkeit der gleichberechtigten Teilnahme an einer Konversation. Einem professionellen Kontext entstammend wird der Begriff in einen privaten, ja, emotional aufgeladenen Raum übertragen: nicht zuletzt in die physische Umgebung, in welcher der Dialog zwischen den Künstler*innen sichtbar gemacht und eine direkte Begegnung mit der Kunst ermöglicht wird. Dadurch wird hier zugleich die angedeutete Suche nach Orten und Mitteln zwischenmenschlicher Kommunikation repräsentiert.

Živa Drvarič und Daniel Stubenvoll, vis-à-vis, 2023. Exhibition view, NEW NOW, Frankfurt am Main. Photography: Daniel Stubenvoll 


Zugehörigkeit und Gemeinschaft werden auch – vis-à-vis – in den Werken von Živa Drvarič verhandelt. Ihre neu produzierten Arbeiten sind ebenfalls Teil einer Serie. Bei Notions of belonging (Lost and found) handelt es sich um stählerne Objekte von geringer Größe und Tiefe, die sich reliefartig aus der Wand drücken und durch ihr Material von dieser abheben. Die Objekte sind dreidimensional, aber flach und in der Ansicht nicht modelliert. Dadurch könnten sie auch als Linien, als Zeichnungen, betrachtet werden. In ihrer Form und Materialität erinnern sie stark an Schlüssel. Reduziert oder verziert, abgerundet oder kantig: jedoch größer als übliche Schlüssel, schlüsselähnlich. Werkzeugen des Auf- und Verschließens gleichend werden Bezüge zu privaten Räumen und architektonischen Schutzfunktionen hergestellt. Außerdem stößt diese eindeutige Assoziation – wie bei Stubenvoll – Fragen nach dem Gebrauchszweck und der inhärenten Logik von Alltagsgegenständen sowie deren Reproduktion an.

Živa Drvarič, Notions of belonging (Lost and found) IV, 2023. Photography: Daniel Stubenvoll


Die Objekte von Drvarič sind paarweise oder, in einem Fall, zu dritt gegliedert. Oben am Griff, an der sogenannten Reite, mit kleinen Nägeln bündig an die Wand gehängt, greifen die einzelnen Elemente unten, am Schlüsselbart, passgenau ineinander. Auch diese Art der formalen Verbindung vermittelt einen intimen Eindruck. Miteinander und zueinander ausgerichtet deuten sie ein Modell von Kollektivität an, aber auch gegenseitige Abhängigkeiten. Dadurch werden Vorstellungen von Kompatibilität befragt: Welche Voraussetzungen müssen für die Zugehörigkeit zu einer Gruppe oder die Zusammengehörigkeit mit Anderen gegeben sein? Einzelteil oder Individuum zu bleiben und zugleich in eine größere Einheit einzugehen, setzt nicht Gleichheit, sondern Vereinbarkeit voraus.


Notion, die erste Komponente des Titels, meint eine Idee oder Ahnung von etwas. Dieser bildhafte Ausdruck verdeutlicht insofern die Ähnlichkeiten – Überschneidungen und Abgrenzungen – von Realität und Imagination. In der Pluralform steht er für eine Vielfalt an Formen und Erfahrungen, die sich mit dem seriellen Format der Werke deckt. Dahingegen kann Belonging sowohl eine emotionale Verbundenheit meinen als auch ein Besitzverhältnis anzeigen. Der letzte Teil des Titels, Lost and found, unterstreicht diese gedanklichen Verbindungen. Das Verhältnis einer Person zu ihrem Eigentum implizierend, wird die Beziehung zwischen Menschen und Objekten hier als aktiv und reziprok dargestellt und mit affektiven Bindungen vermengt. Zugleich wird darin die Loslösung von einer früheren Funktion weniger als reiner Verlust denn als produktives Potenzial ausgedrückt.

Živa Drvarič, Notions of belonging (Lost and found) VI, 2023. Exhibition view, vis-à-vis, 2023, NEW NOW, Frankfurt am Main. Photography: Daniel Stubenvoll


Found object, found image – die Auffassung von Vorhandenem und Alltäglichem als Material begreift das Leben als Quelle. Durch die Integration von Gebrauchsobjekten in künstlerische Werke werden verschiedene Grenzziehungen zwischen Feldern verhandelt, nicht zuletzt die hierarchische Einordnung von Dingwelt und zwischenmenschlicher Interaktion sowie die exkludierende Differenzierung von Kunst, Handwerk und Design. Objekte auf diese Weise zu zitieren, stellt Fragen an Ideen von autonomer Gestaltung, originalen Produkten und originären Kontexten. Zugleich werden Verbindungslinien zu bedeutenden kunsthistorischen Entwicklungen gezogen, wie der Einführung des Readymade, zu regelmäßig neu aufgegriffenen Diskussionen über eine Verstärkung oder Auflösung der vermeintlichen Trennung zwischen Kunst und Leben sowie zu fortwährenden, gleichermaßen essenziellen wie irrelevanten Argumentationen darüber, was Kunst sei und was nicht. 

Durch die Dekontextualisierung der Gegenstände und ihre Neupositionierung im Ausstellungszusammenhang werden aufseiten der Betrachter*innen Verlagerungen in der Wahrnehmung ausgelöst und durch das dialogische Nebeneinander der beiden künstlerischen Positionen zusätzlich intensiviert. Außerdem spannt die Kombination eines materiellen Objektes mit einem Begriff eine Fläche auf, in deren Mitte eine Bedeutung des Werks zu verorten ist. In den Arbeiten von Drvarič und Stubenvoll symbolisiert die Titelgebung sowohl physische als auch semantische Verlagerungen und modifizierende Ergänzungen des Vorhandenen um neue Gedanken.

Živa Drvarič und Daniel Stubenvoll, vis-à-vis, 2023. Exhibition view, NEW NOW, Frankfurt am Main. Photography: Daniel Stubenvoll


Wiedererkennen, Hineinversetzen und Aufmerksamwerden – der unmittelbare Zugang, den die Werke bieten, schließt die Vielfalt an weiteren materiellen und interpretativen Schichten nicht aus. Durch die unmittelbare Nähe der Arbeiten werden bestimmte Aspekte hervorgehoben und Gemeinsamkeiten sowie Abweichungen erkennbar gemacht. Diese Gegenüberstellungen erfolgen auf mehreren Ebenen: in der Präsentation der beiden Praktiken, innerhalb der Serien und in den einzelnen Werken. So weisen die Arbeiten einer Serie zugleich große formale Parallelen wie Variation und individuelle Unterschiede auf. In beiden Fällen sticht vor allem eines der Werke als Ausnahme hervor: drei anstelle von zwei Elementen, Zeichnung statt fotografischer Abbildung. Insofern scheint es in der Ausstellung ebenso sehr um die Bedingungen zu gehen, die die Wahrnehmung eines Werks als Teil einer Serie, eines Oeuvres oder einer Gemeinschaft beeinflussen. 


Vis-à-vis präsentiert gelingt es den ausgestellten Arbeiten, einander gleichzeitig gegenüber und zur Seite zu stehen. Zwischen Worten und Materialien entfaltet sich ein Raum; die architektonischen Voraussetzungen und die gewählte Hängung lassen das entstehende Volumen eine korridorartige Form annehmen. Durch die Ausrichtung zum Fenster zieht der von einer zur anderen Wand schweifende Blick schließlich auch an den Werken vorbei und aus dem Raum heraus: Die Parkfläche auf dem Dach des gegenüberliegenden Gebäudes ist, mit Ausnahme eines einzelnen Autos, leer.

Živa Drvarič und Daniel Stubenvoll, vis-à-vis, 2023. Exhibition view, NEW NOW, Frankfurt am Main. Photography: Daniel Stubenvoll


VIS-À-VIS

Živa Drvarič and Daniel Stubenvoll 

20/10 – 03/11/2023

NEW NOW

Schwedlerstraße 1-5

5th floor, room 5.15

60314 Frankfurt am Main